{"id":710,"date":"2025-04-23T17:44:02","date_gmt":"2025-04-23T15:44:02","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=710"},"modified":"2025-04-23T17:44:05","modified_gmt":"2025-04-23T15:44:05","slug":"einsam-in-florenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/einsam-in-florenz\/","title":{"rendered":"Einsam in Florenz"},"content":{"rendered":"<p>Millionen von Touristen besuchen Florenz mit gro\u00dfen Erwartungen, weil die Stadt ein wahres Juwel der Renaissance ist und eine unglaubliche kulturelle und k\u00fcnstlerische Bedeutung hat. Die Stadt war im Mittelalter und in der Renaissance ein Zentrum von Macht, Handel und Kultur \u2013 die Medici-Familie spielte dabei eine gro\u00dfe Rolle. Die Altstadt mit ihren engen Gassen, Br\u00fccken wie der Ponte Vecchio und charmanten Pl\u00e4tzen wirkt wie ein lebendiges Museum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen dicht gedr\u00e4ngt in einem lokalen Bus, der uns ins Zentrum bringt. Auf der Fahrt h\u00f6ren wir die erregte Stimme eines \u00e4lteren Herrn, der, in gebrochenem Englisch, die Lage aus seiner Sicht auf den Punkt bringt: &#8222;es gibt zu viele Touristen! Wir bezahlen Steuern und dann bekommen wir immer nur einen Stehplatz!&#8220; Darauf folgen einige, vermutliche weniger sachlich formulierte Einw\u00e4nde, auf Italienisch. Im \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel herrscht angesichts des Wutausbruches betretenes Schweigen. &#8222;Mamma Mia, der Mann hat recht, die Stadt ist \u00fcberf\u00fcllt&#8220; denkt nur der Verst\u00e4ndige. Der Zeithistoriker Joachim Fest hat das Ph\u00e4nomen des Massentourismus gut erkl\u00e4rt: fr\u00fcher wurden die Besucher durch eine Stadt ver\u00e4ndert, heute ver\u00e4ndern sich nur noch die Touristenziele.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Ankunft in der Altstadt schwimmen wir im Strom und bewundern im Vorbeigehen die vergangene Gr\u00f6\u00dfe, die sich \u00fcberall in erstaunlichen Bauwerken in Erinnerung bringt. Der geplante Besuch der Uffizien, Standort ber\u00fchmter Kunstwerke, f\u00e4llt allerdings aus. Die Schlangen vor den Kassen sind uns einfach zu lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin laufen wir so nicht in Gefahr in das Stendal-Syndrom zu verfallen. Das psychosomatische Ph\u00e4nomen, das vor allem bei Touristen in St\u00e4dten mit besonders hoher Dichte an Kunstwerken und kulturellen Eindr\u00fccken auftritt \u2013 ist besonders bekannt in Florenz. Menschen, die am Stendal-Syndrom leiden, reagieren k\u00f6rperlich und emotional extrem auf den Anblick gro\u00dfer Kunstwerke oder \u00fcberw\u00e4ltigender kultureller Sch\u00f6nheit. Die Symptome k\u00f6nnen beinhalten: Herzrasen, Schwindel, Ohnmacht, Angstzust\u00e4nde und sogar depressive oder manische Zust\u00e4nde!<\/p>\n\n\n\n<p>Benannt ist das Syndrom nach dem franz\u00f6sischen Schriftsteller Stendal, der 1817 Florenz besuchte und beim Anblick der Fresken in der Kirche Santa Croce ein intensives Gef\u00fchl von Ehrfurcht, R\u00fchrung und k\u00f6rperlicher Ersch\u00f6pfung beschrieb. Seine Reaktion gilt heute als eine der fr\u00fchesten dokumentierten F\u00e4lle des Syndroms. In Florenz gibt es sogar eine psychiatrische Klinik, die Touristen mit entsprechenden Symptomen behandelt!<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige Besucher treffen wir im Dante Haus an. Der Dichter und Philosoph Dante Alighieri (1265-1321) ist das ber\u00fchmteste Kind der Stadt. Seine &#8222;g\u00f6ttliche Kom\u00f6die&#8220; &#8211; in italienischer Sprache verfasst, geh\u00f6rt zu den Klassikern der Weltliteratur. Das Buch beschreibt Dantes Reise durch die Reiche des Jenseits und stellt allegorisch die Wanderung der Seele zu Gott dar. Der Dichter versetzt, ohne gro\u00dfes Zaudern, einige griechische Philosophen, historische Gr\u00f6\u00dfen und nicht-christliche Religionsf\u00fchrer in die H\u00f6lle. Wir spazieren durch die R\u00e4ume des Museums, in dem es eigentlich nicht viel zu sehen gibt. Beeindruckend ist die Vielzahl der ausgestellten \u00dcbersetzungen, die sein Hauptwerk in dutzenden verschiedenen Sprachen lesbar macht. Daraus kann man schlie\u00dfen, dass die Faszination des Buches, mit seiner religi\u00f6sen Thematik, bis heute ungebrochen weiterwirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beschlie\u00dfen unseren Besuch im \u00fcberf\u00fcllten Florenz eher kurz zu halten, ganz nach dem Vorbild Goethes, der auf seiner Reise dem Gesamtkunstwerk nur wenig Zeit widmete, zu gro\u00df war seine Ungeduld endlich in Rom anzukommen. Nur ein weiteres Ziel streben wir noch an. An den gro\u00dfen Pal\u00e4sten vorbei machen wir uns auf den Weg zum Palazzo Pitti, wo wir uns die hinter dem Palast liegende Gartenanlage &#8222;Giardino di Boboli&#8220; ansehen wollen. Hierher fl\u00fcchtete sich auch gelegentlich der Dichter Rainer-Maria Rilke, der seinen Aufenthalt in der Stadt mit gemischten Gef\u00fchlen erfuhr. &#8222;Fast feindlich heben die Pal\u00e4ste ihre stummen Stirnen entgegen&#8220; schrieb er im Tagebuch. Ohne seine Geliebte Lou Andrea Salom\u00e9 f\u00fchlte er sich einsam und die Anwesenheit zahlreicher Ber\u00fchmtheiten sch\u00fcchterten den unsicheren, jungen K\u00fcnstler ein. Auf seinem Spaziergang begegnete ihm zuf\u00e4llig der Dichter Stephan George, der dem jungen Mann seine \u00dcberlegenheit sp\u00fcren lie\u00df. Rilke kommentierte sp\u00e4ter lapidar: &#8222;K\u00fcnstler sollten einander meiden (\u2026) Zwei Einsame sind aber eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcreinander.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schlendern unter unserem Regenschirm durch einen der bedeutendsten italienischen G\u00e4rten der Renaissance. Er wurde im 16. Jahrhundert von der Familie Medici angelegt und diente als Vorbild f\u00fcr viele europ\u00e4ische Barockg\u00e4rten. Man ist hier fast alleine. Der weitl\u00e4ufige Garten, mit seinen kunstvollen Skulpturen, Brunnen, Grotten und geometrisch angelegten Wegen, beeindruckt uns. Am Ende unseres Rundgangs h\u00f6rt es auf zu regnen und wir genie\u00dfen den Ausblick auf die Stadt und die Vorfreude auf die Weiterreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Birgit Haustedt, Rilke in Italien, Insel Verlag, Berlin 2025<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Millionen von Touristen besuchen Florenz mit gro\u00dfen Erwartungen, weil die Stadt ein wahres Juwel der Renaissance ist und eine unglaubliche kulturelle und k\u00fcnstlerische Bedeutung hat. 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