{"id":716,"date":"2025-04-29T18:52:39","date_gmt":"2025-04-29T16:52:39","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=716"},"modified":"2025-04-29T18:52:42","modified_gmt":"2025-04-29T16:52:42","slug":"die-kuenstler-wg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-kuenstler-wg\/","title":{"rendered":"Die K\u00fcnstler WG"},"content":{"rendered":"<p>In das Stadtzentrum von Rom fahren wir mit einer alten Stra\u00dfenbahn. Unser Spaziergang beginnt am Bahnhof Termini, wir laufen zun\u00e4chst hinunter zum Forum Romanum. Hier zeigt sich Rom wie ein offenes Geschichtsbuch: Im Vordergrund liegen die antiken Ruinen des Forums, zerfallene Mauern und S\u00e4ulenreste, die vom r\u00f6mischen Weltreich erz\u00e4hlen. Dahinter erheben sich Kirchen aus der Renaissancezeit und majest\u00e4tische Pinien. \u00dcber allem thront das strahlend wei\u00dfe Vittoriano, ein Monument der italienischen Nation. Hier begegnen sich Jahrtausende \u2013 Schicht f\u00fcr Schicht sichtbar auf engstem Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>In Rom suchte Goethe, wie man in der italienischen Reise nachlesen kann, in erster Linie seine antiken Ideale: das Sch\u00f6ne und Wahre. &#8222;Ich will Rom sehen, das bestehende, nicht das mit jedem Jahrzehnt vor\u00fcbergehende&#8220;, bekennt das Weimarer Dichtergenie. Eine Absichtserkl\u00e4rung, die man angesichts der F\u00fclle historischer Geb\u00e4ude verstehen kann. Auch wenn Goethe monatelang in der Hauptstadt Italiens unterwegs war, musste er sein Interessengebiet einschr\u00e4nken. &#8222;Rom ist eine Welt, und man braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Um die ungeheure Bedeutung der Stadt f\u00fcr das Leben Goethes zu verstehen, m\u00fcssen wir eine Bemerkung des alten Goethes zur Kenntnis nehmen. Vom Zustand der Altersmelancholie ergriffen, erkl\u00e4rt Goethe zu Eckermann: \u201eJa, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser H\u00f6he, zu diesem Gl\u00fcck der Empfindung bin ich sp\u00e4ter nie wieder gekommen; ich bin mit meinem Zustand in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh gewesen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir marschieren weiter zum Trevi-Brunnen. Es herrscht dort dichtes Gedr\u00e4nge. Hunderte Smartphone-Besitzer k\u00e4mpfen um die beste Perspektive. An Ostern ist die ganze Stadt voll von Pilgern, Touristen und Einheimischen. Unser Ziel ist der Korso, eine lange Stra\u00dfe, an deren Ende eine ber\u00fchmte K\u00fcnstler-Wohngemeinschaft ihr Domizil hatte. Tausende Menschen dr\u00e4ngeln sich durch die Gesch\u00e4ftsstrasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck ist das kleine Museum eine Oase der Ruhe. Wir laufen &#8211; zu unserer \u00dcberraschung &#8211; alleine durch die R\u00e4ume. Goethes kleines Zimmer ist bescheiden und ohne jeden Komfort. Der Dichter genie\u00dft das, ebenso wie sein Leben unter fremden Namen. Die Flucht aus Weimar war das Resultat eines &#8222;Burnout&#8220;. Die gesellschaftlichen und politischen Verpflichtungen lie\u00dfen keinen Raum mehr f\u00fcr die k\u00fcnstlerischen Ambitionen des Schriftstellers. In Rom soll nun alles anders werden. Der Dichter erwartet eine Verwandlung, die die intensive Besch\u00e4ftigung mit der Kunst, der Natur und dem italienischen Lebensstil bringen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rhythmus in der K\u00fcnstlerrunde ist von abendlichen Gespr\u00e4chen gepr\u00e4gt und \u2013 tags\u00fcber &#8211; vom Vollzug eines rastlosen, touristischen Programmes mit seinem Zeichenlehrer Johann Tischbein (1751-1829). Nebenbei entsteht zwischen den Beiden das Projekt \u201eDichtung und Kunst\u201c. Goethe ist angetan: \u201eSo ist Tischbeins Gedanke h\u00f6chst beifallsw\u00fcrdig, dass Dichter und Kunst zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprung her eine Einheit zu bilden.\u201c Das legend\u00e4re Bild des Dichters &#8222;Goethe in der Campagna&#8220; entsteht. Im Museum stehen wir vor einer Kopie des Gem\u00e4ldes.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Tagebuch erw\u00e4hnt Goethe das Werk mehrmals, so im Eintrag zum 29. Dezember 1786: \u201eIch soll in Lebensgr\u00f6\u00dfe als Reisender, in einen wei\u00dfen Mantel geh\u00fcllt, in freier Luft auf einem umgest\u00fcrzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma \u00fcberschauend. Es gibt ein sch\u00f6nes Bild, nur zu gro\u00df f\u00fcr unsere nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das Portr\u00e4t aber wird keinen Platz finden.\u201c Das Bild wird zum Symbol des Mythos, der sich um Italien dreht. Allerdings hat Goethe selbst das Gem\u00e4lde nie vollendet gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist die Zeit vorangeschritten. Die Abendsonne steht bereits \u00fcber der Stadt. Wir laufen zur Piazza Popolo und klettern einige Stufen hinauf zum Park der Villa Borghese, von der man einen wunderbaren Blick \u00fcber die Stadt hat. Die Atmosph\u00e4re ist entspannt, man genie\u00dft die Aussicht, h\u00f6rt den Stra\u00dfenmusiker zu. In der Ferne sehen wir den Vatikan. Der Papst hat dort seinen Ostersegen erteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen schauen wir gebannt auf die Bildschirme in der U-Bahn. Die Stimmung ist ernst, zwei Nonnen, neben uns sitzend, ringen um Fassung. Der Pontifex ist verstorben. Wir mochten ihn, seine Bescheidenheit und viele seiner Aussagen, die die Basis f\u00fcr einen Dialog zwischen den Religionen stiften k\u00f6nnten. &#8222;Es wird nie einen wahren Frieden geben, wenn wir nicht in der Lage sind, ein gerechteres Wirtschaftssystem aufzubauen.&#8220; Diese Vision des Oberhauptes der katholischen Kirche wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind auf dem Weg zum protestantischen Friedhof der Stadt, einer der sch\u00f6nsten und zugleich stillsten Orte in Rom. Er ist wie ein geheimer Garten, versteckt hinter Mauern, direkt neben der Cestius-Pyramide. Hier fanden Protestanten und Muslime, sowie einige ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten, ihre letzte Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir besuchen zun\u00e4chst das Grab des englischen Poeten John Keats. Er reiste 1820 wegen seiner Tuberkulose nach Italien, in der Hoffnung auf ein milderes Klima. Er starb kurz darauf, im Februar 1821, im Alter von nur 25 Jahren. Damals war Rom eine stark katholisch gepr\u00e4gte Stadt, und der protestantische Friedhof wurde eigens f\u00fcr nicht-katholische Ausl\u00e4nder eingerichtet, darunter viele Briten und Deutsche. Auf seinem Grabstein steht nicht sein Name, sondern nur die ber\u00fchmte Inschrift: &#8222;Here lies One Whose Name was writ in Water&#8220; (\u201eHier liegt einer, dessen Name in Wasser geschrieben war\u201c). Wie alle Poeten regt er bis zuletzt zum Nachdenken an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir laufen weiter \u00fcber die Anlage, die \u00fcppig bewachsen ist, fast wie ein kleiner Park wirkt. Zypressen stehen schlank zwischen den Gr\u00e4bern. Rosenstr\u00e4ucher, Oleander, Lavendel und wilder Wein wachsen zwischen den Grabsteinen. Der Friedhof ist ber\u00fchmt f\u00fcr seine Katzen. Sie streifen leise zwischen den Gr\u00e4bern umher, manchmal liegen sie d\u00f6send in der Sonne auf einem Marmorsockel. Der Ort wirkt zeitlos, fast wie ein Gem\u00e4lde: antike Skulpturen, moosbewachsene Grabsteine, verwitterte Inschriften in vielen Sprachen \u2013 Englisch, Deutsch, Russisch, D\u00e4nisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bleiben schlie\u00dflich am Grab von August Goethe stehen und lesen schweigend die Widmung, die sein Vater ausgew\u00e4hlt hat: &#8222;Goethe, der Sohn, \/ dem Vater \/ vorangehend, \/ schied dahin \/ mit 40 Jahren, \/ 1830). Der Mann konnte bis zu seinem tragischen Ende &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; nie aus dem Schatten des Vaters treten. In Italien wollte er sich endlich selbst finden. Er bereiste das Land zun\u00e4chst gemeinsam mit Eckermann und starb dann sp\u00e4ter nach einer Krankheit einsam in Rom.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In das Stadtzentrum von Rom fahren wir mit einer alten Stra\u00dfenbahn. Unser Spaziergang beginnt am Bahnhof Termini, wir laufen zun\u00e4chst hinunter zum Forum Romanum. 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