{"id":720,"date":"2025-05-04T09:35:06","date_gmt":"2025-05-04T07:35:06","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=720"},"modified":"2025-05-04T09:35:08","modified_gmt":"2025-05-04T07:35:08","slug":"goethe-in-neapel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/goethe-in-neapel\/","title":{"rendered":"Goethe in Neapel"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann Goethes italienische Reise, aus naheliegenden Gr\u00fcnden, nat\u00fcrlich nicht wirklich nachreisen. Die Welt, die St\u00e4dte, die Verkehrsmittel und der \u201eTourismus\u201c \u00fcberhaupt, haben sich seit seiner Zeit fundamental ver\u00e4ndert. Zu seinen Reiseerfahrungen findet sich ein vielsagender Eintrag, den er auf dem Weg nach Rom vermerkte und zu den Leitmotiven seines Schaffens geh\u00f6rt beziehungsweise \u00fcberleitet:<br>\u00a0\u00a0<br>\u201eDie Postillons fuhren, dass einem H\u00f6ren und Sehen verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen Gegenden mit der entsetzlichen Schnelle und bei Nacht wie im Flug zu durchreisen, so freuet es mich doch innerlich, dass ein g\u00fcnstiger Wind hinter mir her blies und mich meinen W\u00fcnschen zu jagte.\u201c<br>\u00a0<br>Die Zunahme der Geschwindigkeit, die der Dichter nachempfindet, ist ein Vorbote der Moderne. Das Wort veloziferisch ist eine Wortsch\u00f6pfung Goethes und setzt sich aus den Worten velos (= die Eile) und Luzifer zusammen.\u00a0In diesem Sinne ist die Eile des Teufels. Dies bedeutet, dass der Mensch im faustischen Zeitalter dazu neigt, sich zu \u00fcbereilen, sowohl im Denken als auch im Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um es kurzzufassen: Neapel ist f\u00fcr den Schriftsteller im wahrsten Sinne \u00fcberw\u00e4ltigend. Die Stadt hat gegen Ende des 18. Jahrhunderts rund 450000 Einwohner und ist die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt Europas. In das gesellschaftliche Leben wird er von seinem ber\u00fchmten Zeichenlehrer eingef\u00fchrt, dessen luxuri\u00f6sen Lebensstil er bewundert: Jakob Hackert (1737-1807). Der Male geniest eine gut bezahlte K\u00fcnstlerexistenz am Hof Ferdinands IV und wohnt in einem der pr\u00e4chtigsten Pal\u00e4ste der Stadt. Im Verh\u00e4ltnis zeigt sich die Grenze der Lernbereitschaft des Sch\u00fclers, wie sein Lehrer mit ironischem Unterton von einem Gespr\u00e4ch mit dem K\u00fcnstler berichtet. Hackert: \u201eSie haben Anlage, aber Sie k\u00f6nnen nichts machen. Bleiben Sie achtzehn Monate bei mir, so sollen sie etwas hervorbringen, was Ihnen und anderen Freude macht.\u201c Goethe schl\u00e4gt das Angebot dankend aus.<br>\u00a0<br>In Rom war es die Kunst, in Neapel ist es die Natur und das im \u00f6ffentlichen Raum als pittoresk empfundene Volksleben, was ihn verzaubert. \u201eIch finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreiche Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.\u201c Der Dichter zerst\u00f6rt mit dieser Formulierung, die in der damaligen Reiseliteratur \u00fcbliche Beschreibung der angeblich \u201efaulen\u201c Neapolitaner. Goethes Gegenthese lautet: \u201e(\u2026), dass dies wohl eine nordische Ansicht sein m\u00f6chte, wo man jeden f\u00fcr einen M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger h\u00e4lt, der sich nicht den ganzen Tag \u00e4ngstlich abm\u00fcht\u201c.<br>\u00a0<br>Und Goethe ist im Vergleich zu seinem Rom-Aufenthalt gesellig, genie\u00dft die freiheitliche Atmosph\u00e4re und begegnet Menschen aus allen Schichten. Er berichtet: \u201eGegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde, wie ein altes, \u00fcbelplaziertes Kloster vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wandern staunend durch die Stadt, ohne Ziel und ohne festgelegtes Programm. Es ist die Atmosph\u00e4re in der Altstadt, die uns besonders beeindruckt. Man findet hier Gassen, die noch das origin\u00e4re Leben der Neapolitaner anklingen lassen. Sie sind eng, das Leben pulsiert darin und wachsame Augen beobachten jeden, der in diese Welt eintritt. Allgegenw\u00e4rtig ist die metaphysische Einbettung des Alltags. So hat jedes Quartier einen oder eine Heilige, die in in einem kleinen Schrein verehrt wird. Diesen Status hat auch der argentinische Fu\u00dfballer Maradona erreicht: sein Bild taucht an vielen W\u00e4nden auf. Der Fu\u00dfball ist in Neapel mit quasi religi\u00f6ser Begeisterung pr\u00e4sent. Zu Verkauf stehen Wandteppiche, die dem Balljongleur gewidmet sind, mit der Aufschrift: \u201eReligion Monoteistico\u201c versehen. Und man blickt, in vertikaler Sicht, aus den dunklen Gassen hinauf in den tiefblauen Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen tiefen Glauben braucht es, auf den zahlreichen, mit der W\u00e4sche des Tages behangenen Balkone zu sitzen. Sie sind mit schmiedeeisernen, in die Jahre gekommenen, Konstruktionen abgesichert. Rainer Maria Rilke widmete bei seinem Aufenthalt dem Ph\u00e4nomen ein Gedicht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Enge, oben, des Balkones<br>angeordnet wie von einem Maler<br>und gebunden wie zu einem Strau\u00df<br>alternder Gesichter und ovaler,<br>klar im Abend, sehn sie idealer,<br>r\u00fchrender und wie f\u00fcr immer aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir beschlie\u00dfen unseren Rundgang auf einer Anh\u00f6he und blicken auf den Golf von Neapel. Der Anblick ist schwer zu beschreiben. \u201eWenn ich Worte schreiben will,&#8221; schrieb Goethe, &#8220;so stehen mir immer Bilder vor Augen des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen.&#8221;<br>\u00a0<br>Wir sind am Rande der Ausgrabungen von Pompeji untergekommen und k\u00f6nnen die untergegangene Stadt am Abend besuchen. Noch immer dr\u00e4ngeln sich zahlreiche Touristen durch die riesige Anlage, suchen, mit Stadtpl\u00e4nen ausgestattet, nach Orientierung. Sie laufen auf den uralten, beeindruckenden r\u00f6mischen Stra\u00dfen. Es gibt in den Villas mumifizierte Stadtbewohner zu sehen, die &#8211; vor \u00fcber 2000 Jahren &#8211; von dem gewaltigen Ausbruch des Vesuvs \u00fcberrascht worden sind. \u00dcber der Szenerie thront der Berg, in unbeteiligter Sch\u00f6nheit. Noch heute sorgt sich die Region vor einem neuen Ausbruch des Massivs. Was fasziniert so eine gro\u00dfe Zahl von Menschen, die, wie von einem Magnet angezogen werden, an diesem Ort?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht gibt die Psychologie eine Antwort. 1902 besuchte Sigmund Freud Pompeji erstmals. Obwohl er die Stadt nur einmal besichtigte, blieb sie f\u00fcr ihn von gro\u00dfer Bedeutung. Er sah in Pompeji ein Symbol f\u00fcr das menschliche Ged\u00e4chtnis: Die Versch\u00fcttung der Stadt durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. und ihre sp\u00e4tere Ausgrabung erinnerten ihn an die psychische Verdr\u00e4ngung und das Wiederaufleben verdr\u00e4ngter Erinnerungen. \u201eWie der Arch\u00e4ologe die versch\u00fctteten St\u00e4dte Schicht f\u00fcr Schicht freilegt, so enth\u00fcllt die Psychoanalyse die Schichten des seelischen Lebens.\u201c Ist dies die Erkl\u00e4rung? Vielleicht ahnt der Sterbliche gerade hier, bewusst oder nicht, dass er, bei allem Fortschritt, der Natur unterlegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf einer Bank lesen wir die Episode, die \u2013 aus unserer Sicht \u2013 zu den wunderbarsten Beschreibungen der Italienischen Reise geh\u00f6rt. Beschrieben wird die Besteigung des Vesuvs Goethes mit dem Maler Johann Tischbein. Sein Freund begleitet ihn &#8220;ungern, doch mit treuer Geselligkeit.&#8221; Das Unternehmen ist lebensgef\u00e4hrlich, der Berg brodelt, Steine fliegend durch die Luft. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen den beiden. Bei aller Liebe ist der K\u00fcnstler nicht bereit, f\u00fcr die naturwissenschaftliche Erkenntnis zu sterben. Er bleibt in sicherer Entfernung zur\u00fcck. Goethe dagegen wagt den Aufstieg zum Krater: &#8220;Wie aber durchaus eine gegenw\u00e4rtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen fordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, da\u00df es m\u00f6glich sein m\u00fcsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den R\u00fcckweg zu gewinnen.&#8221;<br>\u00a0\u00a0<br>Es stellt sich (nicht nur f\u00fcr den Autor) die Frage: ist es nicht eher die Natur, also nicht die Kunst, die den Menschen pr\u00e4gt und das Schicksal des Menschen entscheidend bestimmt? Erstaunlich ist Goethes Einsch\u00e4tzung der besonderen Lage der \u201eNeapolitaner\u201c, die er nach einer R\u00fcckkehr nach Neapel zitiert:<br>\u00a0<br>&#8220;Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf meiner R\u00fcckkehr; doch konnte empfinden, wie sinne verwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Sch\u00f6nen, das Sch\u00f6ne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichg\u00fcltige Empfindung heraus. Gewiss w\u00e4re der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt f\u00fchlte.&#8221;<br>\u00a0\u00a0<br>Wie geht der Schriftsteller mit dieser Polarit\u00e4t um? Man k\u00f6nnte sagen, mit aktiver Bejahung, wie sie in seinem West-\u00d6stlichen Diwan zum Ausdruck kommt.<br>\u00a0<br>\u201eBevor Du dies nicht hast, dieses stirb und werde, bist Du nur ein tr\u00fcber Gast, auf der dunklen Erde.\u201c<br>\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann Goethes italienische Reise, aus naheliegenden Gr\u00fcnden, nat\u00fcrlich nicht wirklich nachreisen. Die Welt, die St\u00e4dte, die Verkehrsmittel und der \u201eTourismus\u201c \u00fcberhaupt, haben sich seit seiner Zeit fundamental ver\u00e4ndert. 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