{"id":723,"date":"2025-05-10T11:40:16","date_gmt":"2025-05-10T09:40:16","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=723"},"modified":"2025-05-10T11:40:18","modified_gmt":"2025-05-10T09:40:18","slug":"sonnenleute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/sonnenleute\/","title":{"rendered":"Sonnenleute"},"content":{"rendered":"<p>Der Zauberberg von Thomas Mann spielt in den Schweizer Alpen, fern von den Natursch\u00f6nheiten Siziliens. Auf den ersten Blick ist das Buch also keine passende Reiselekt\u00fcre f\u00fcr uns. Diese Einsch\u00e4tzung \u00e4ndert sich, wenn man an einen der Sinnspr\u00fcche aus dem Roman denkt: \u201eDer Mensch ist Herr der Gegens\u00e4tze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.\u201c Berge und Meer, Sommer und Winter sind Ur-Ph\u00e4nomene. Es sind Gegens\u00e4tze, die uns zeitlebens bestimmen und die wir in dem Gedanken der Einheit allen Seins \u00fcberwinden. Thomas Mann sieht das Leben im Schnee und die Erfahrung am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt, denn \u201edie Urmonotomie des Naturbildes ist beiden Sph\u00e4ren gemeinsam\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unternehmen an einem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingstag einen Spaziergang an das Capo Milazzo im Norden Siziliens. Der Weg f\u00fchrt an bl\u00fchenden Blumen vorbei an einen Aussichtspunkt, von dem man auf den K\u00fcstenabschnitt herabblickt. Die Szenerie erinnert uns tats\u00e4chlich an eine Beschreibung in Thomas Manns Roman: \u201eDa lag das Meer &#8211; ein Meer, das S\u00fcdmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wundersch\u00f6ne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur H\u00e4lfte von immer matter blauen Bergz\u00fcgen weit umfasst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zitat ist aus einem Traum, den Hans Castorp, der Protagonist des Romans, w\u00e4hrend einer Schneewanderung erlebt. Erstaunlicherweise war er, vor seinem Aufenthalt in dem Sanatorium, bisher nur im Norden Europas unterwegs. \u201eEr hatte auf Ferienreisen vom S\u00fcden kaum genippt, kannte die raue blasse See und hing dann mit kindlichen, schwerf\u00e4lligen Gef\u00fchlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien oder Griechenland, niemals erreicht. Nachdem er auf seiner Wanderung im Schneesturm nur in \u201edas Nichts, das wei\u00dfe, wirbelnde nichts\u201c geblickt hatte, erinnert er sich jetzt &#8211; tr\u00e4umend &#8211; an eine s\u00fcdliche Atmosph\u00e4re. \u201eJa, das war eigent\u00fcmlich, ein Wiedererkennen, das er feierte.\u201c Er hatte das Bild, oder sagen wir die Sehnsucht danach, in seinem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir steigen jetzt die Stufen hinab zur K\u00fcste und sehen in einiger Ferne ein nat\u00fcrliches Bassin, dass durch die Wellen des Meeres immer wieder mit Wasser versorgt wird. Eine Gruppe junger Menschen badet darin. Auf den umliegenden Klippen sonnen sich einige Gruppen von Wanderer. Wieder kommt uns eine andere Szene aus dem Roman in den Sinn. Castorp erlebt in seiner Traumsequenz eine \u00e4hnliche Situation. Er sieht ein sonnendurchflutetes, friedliches mediterranes Tal, in dem Menschen in Sch\u00f6nheit, Harmonie und Liebe zusammenleben. \u201eMenschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten \u00fcberall, verst\u00e4ndig-heitere, sch\u00f6ne junge Menschheit, so angenehm zu schauen.\u201c Er bewundert insbesondere die h\u00f6fliche R\u00fccksicht der Gruppe, ihre W\u00fcrde und Strenge, \u201edoch ganz ins Heitere gel\u00f6st\u201c und eine verst\u00e4ndige Fr\u00f6mmigkeit, die ihr Tun und Lassen bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Mann schafft so eine Vision, die, an die, unter dem Eindruck des schrecklichen Weltkrieges entstandenen \u201eLebensreformmodelle\u201c der 1920er Jahren, erinnern. Im Zauberberg zeigt Mann Interesse an alternativen Praktiken, von der Psychoanalyse, \u00fcber alternative Heilmethoden bis zum Vegetarismus. Sein Urteil schwankt diesbez\u00fcglich zwischen Verst\u00e4ndnis und Ablehnung. Er versteht, dass die Menschen von den Ideologien fl\u00fcchten wollen, bef\u00fcrchtet aber, dass aus einem verbreiteten Irrationalismus eines Tages politische Gefahren entstehen k\u00f6nnen. Fakt ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Versuche in Europa entstehen, alternative Gemeinschaften und Lebenspraxen zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage des Verh\u00e4ltnisses von Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und Individuum pr\u00e4gen im Zauberberg auch einige, noch immer lesenswerte Diskussionen zwischen zwei Gelehrten, die als Mentoren Hans Castros auftreten. Die Gespr\u00e4che zwischen den beiden gegens\u00e4tzlichen Charakteren sind &#8211; wie wir sehen werden &#8211; von beinahe unheimlicher Aktualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier eine verk\u00fcrzte Auswahl zentraler Gedanken:<\/p>\n\n\n\n<p>Settimbrini behauptet: \u201eZwei Prinzipien l\u00e4gen im ewigen Kampf um die Welt, \u201adie Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Beharren und der Fortschritt, Asien und Europa.\u2018 Seine Hoffnung f\u00fcr die Zukunft liegen auf der Rationalit\u00e4t, der Demokratie und den Wissenschaften. Naphtha dagegen kritisiert den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates, dessen b\u00fcrgerliche Ideologie eine Transzendenz anstrebt, die langfristig auf einen Weltstaat hinausl\u00e4uft. \u201eDas Geld wird Kaiser sein, &#8211; das ist eine Prophezeiung aus dem 11. Jahrhundert\u201c erkl\u00e4rt Naphtha skeptisch. Er glaubt an die Notwendigkeit des Terrors, um die \u201eungl\u00e4ubige\u201c Menschheit zu retten. Paradoxerweise sieht Naphtha seine Forderungen nicht in einem christlichen Gottesstaat, sondern in der Ideologie des Kommunismus umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir uns auf einer Bank hingesetzt haben, sinnen wir \u00fcber die Zukunft von alternativen Gemeinschaften nach und ihre k\u00fcnftige Rolle im modernen Staat. In unserem Camperleben treffen wir immer wieder auf Pl\u00e4tze, die \u00f6kologische und kulturelle M\u00f6glichkeiten anbieten und eine besondere Konstellation erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSonnenleute\u201c, die mit lebensbejahender Kraft agieren, sich gegenseitig respektieren, ohne der Idee einer Uniformierung zu folgen und ohne den Tod aus ihrem Leben zu verdr\u00e4ngen. Ist das eine Utopie? Vielleicht. Dann ist es die Aufgabe der Schriftsteller, unsere imagin\u00e4ren Kr\u00e4fte neu zu stimulieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zauberberg von Thomas Mann spielt in den Schweizer Alpen, fern von den Natursch\u00f6nheiten Siziliens. Auf den ersten Blick ist das Buch also keine passende Reiselekt\u00fcre f\u00fcr uns. 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