{"id":727,"date":"2025-05-12T19:23:41","date_gmt":"2025-05-12T17:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=727"},"modified":"2025-05-12T19:23:43","modified_gmt":"2025-05-12T17:23:43","slug":"zwischen-orient-und-okzident","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/zwischen-orient-und-okzident\/","title":{"rendered":"Zwischen Orient und Okzident"},"content":{"rendered":"<p>Palermo, die Hauptstadt Siziliens, ist ein faszinierender Schmelztiegel aus Geschichte, Kultur und kulinarischem Erbe. Gepr\u00e4gt von jahrtausendelanger Herrschaft durch Ph\u00f6nizier, R\u00f6mer, Araber, Normannen und Spanier, spiegelt sich in der Stadt ein Mix aus europ\u00e4ischer und orientalischer Architektur wider. Kuppeln, Kirchen und Pal\u00e4ste erz\u00e4hlen von einer bewegten Vergangenheit. Die Altstadt von Palermo begeistert mit verwinkelten Gassen, lebendigen M\u00e4rkten wie Ballar\u00f2 und Vucciria sowie einer F\u00fclle an historischen Bauwerken. Darunter beeindrucken die prachtvolle Kathedrale, der normannische K\u00f6nigspalast mit der goldgl\u00e4nzenden Cappella Palatina und das Teatro Massimo, eines der gr\u00f6\u00dften Opernh\u00e4user Europas. Die Stadt ist absolut sehenswert. Viele Touristen arbeiten eine Liste von Sehensw\u00fcrdigkeiten ab oder man l\u00e4sst sich &#8211; wie wir es bevorzugen &#8211; treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Moderne Reisef\u00fchrer erw\u00e4hnen meist nur kurz den Einfluss der arabischen Baumeister auf die normannischen Herrscher. In Goethes italienische Reise findet sich ebenso wenig zu dieser Epoche, den der Dichter richtete seinen Fokus in erster Linie auf die Antike. In den Wanderjahren, einer anderen ber\u00fchmten Reisebeschreibung \u00fcber Italien von Friedrich Gregovorius (1821-1891), erw\u00e4hnt der Historiker aus Chronistenpflicht, dass die Kathedrale vormals eine Moschee war. Und er berichtet: \u201eNur auf einer einzigen S\u00e4ule des s\u00fcdlichen Portikus sieht man noch eine arabische Inschrift, den 55. Vers der 7. Sura, welcher lautet: Euer Gott hat den Tag geschaffen, dem die Nacht folgt, und der Mond und die Sterne sind beigef\u00fcgt zum Werke nach einem Befehl. Ist nicht sein eigen die Kreatur und nicht sein die Herrschaft? Gelobt sei der Herr der Jahrhunderte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Gasse, im ehemals arabischen Viertel, bleiben wir eher zuf\u00e4llig vor einem verfallenen Haus stehen, das nur m\u00fchsam durch eine Holzkonstruktion zusammengehalten wird. Wir sehen auf der Wand Spuren verschiedener architektonischen Zeugnisse und eine verblasste Inschrift, die wir zu entziffern versuchen. Palermo ist voller R\u00e4tsel der Vergangenheit, die zu entschl\u00fcsseln sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen frohgemut die Suche nach der verlorenen Zeit fort. Ein Juwel ist &#8211; aus unserer Sicht &#8211; San Giovanni degli Eremiti (Kirche der Eremiten) mit ihren charakteristischen roten Kuppeln und dem bezaubernden, stillen Garten \u2013 ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt. Wir sitzen eine ganze Weile unter eine Palme und staunen \u00fcber den Innenhof, der von einem Kreuzgang mit S\u00e4ulen und B\u00f6gen umfasst wird. Hier ist die Zeit stehen geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kehren am sp\u00e4ten Nachmittag zur\u00fcck zu unserem Stellplatz, der von Hochh\u00e4usern umgeben ist. Die Wohnmobile stehen dicht gedr\u00e4ngt nebeneinander. Uns gef\u00e4llt es hier. Nachts ist es erstaunlich ruhig und man l\u00e4uft gem\u00fctlich in wenigen Minuten in das Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag besuchen wir am Stadtrand den Zisa-Palast \u2013 ein arabisch-normannisches Meisterwerk aus dem 12. Jahrhundert, das urspr\u00fcnglich als Sommerresidenz der K\u00f6nige diente. Die Architektur erinnert an maurische Bauten und zeugt von der Verbindung Palermos zur islamischen Welt. Der \u201eBrunnensaal\u201c, durch den zur K\u00fchlung eine offene Wasserleitung f\u00fchrt, ist ein Beispiel dieser Baukunst. Aus dessen R\u00fcckwand ergoss sich das Wasser in zwei Becken und floss dann in einen Teich, ein typisches Motiv der arabischen Palastarchitektur. Im Museum gef\u00e4llt uns eine ausgestellte Grabtafel einer verstorbenen Frau aus dem Mittelalter, die mit Texten in vier unterschiedlichen Sprachen versehen ist. Hebr\u00e4isch, Lateinisch, Arabisch und Griechisch, diese Vielfalt deutet auf ein Leben in einer Hochzivilisation.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museumsshop erstehen wir ein Buch, das es nur in der italienischen Ausgabe gibt: \u201ePalermo araba. Una sintesi dell\u2019evoluzione urbanistica (831\u20131072)\u201c. Das Werk von Ferdinando Maurici bietet eine Analyse der Stadtentwicklung Palermos unter arabischer Herrschaft und beleuchtet die architektonischen Ver\u00e4nderungen dieser Zeit. Er gew\u00e4hrt einen \u00dcberblick \u00fcber die Ankunft der Muslime in Sizilien im Jahr 831 und die darauffolgende Entwicklung. Die Stadt erlebte damals einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, der sich in ihrer urbanistischen Struktur widerspiegelte. Durch Ausgrabungen und Studien erkennt er den Verlauf der Stadtmauern, die Anordnung der Stadtviertel und die Lage \u00f6ffentlicher Pl\u00e4tze. Seine Aufmerksamkeit gilt den \u00dcberresten von Moscheen, B\u00e4dern und M\u00e4rkten, die soziale Leben der Zeit widerspiegeln. Maurici beschreibt die Vielfalt der Bev\u00f6lkerung, bestehend aus Arabern, Berbern, Christen und Juden, und erz\u00e4hlt, wie diese Gruppen in den urbanen Raum integriert waren. Kulturelle Dienstleistungen wie Bibliotheken, Schulen und Moscheen spielten eine zentrale Rolle im t\u00e4glichen Leben und f\u00f6rderten den Austausch von Wissen und Ideen. Die Philosophie des Leben und Lebenlassen beeindruckt bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der historischen Quellen, die Maurici benutzt, ist der Geograf Ibn Hawqal, der im 10. Jahrhundert die M\u00e4rkte in Palermo beschrieb. Diese Pl\u00e4tze waren bekannt f\u00fcr ihre Vielfalt an Waren, darunter Gew\u00fcrze, Textilien und Lebensmittel, die aus der islamischen Welt importiert wurden. Sein Werk \u201e\u1e62\u016brat al-\u2019Ar\u1e0d\u201c enth\u00e4lt ausf\u00fchrliche geografisch-ethnografische Beschreibungen verschiedener Regionen, auch wenn es sich dabei nicht um klassische \u201eReisebeschreibungen\u201c im literarischen Sinne handelt, wie etwa bei Ibn Battuta. In seinem Werk schildert er Palermo (al-Madinah) als bev\u00f6lkerungsreiche und multikulturelle Stadt mit einer muslimischen, christlichen und j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung. Er hebt hervor, dass es dort 300 Moscheen gegeben habe. Geschichtliche Erz\u00e4hlungen sind oft umk\u00e4mpft. Wir lesen an anderer Stelle, dass moderne Historiker die Zahl f\u00fcr \u00fcbertrieben halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der Stadt setzen wir uns an der pr\u00e4chtigen Meerpromenade in ein Caf\u00e9. Von hier aus hat Goethe den Monte Pelligrino beschrieben, ein Vorgebirge, das die Bucht einrahmt, und der Dichter f\u00fcr einen der sch\u00f6nsten Berge der Welt hielt. \u201eItalien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schl\u00fcssel zu allem\u201c schrieb er in sein Tagebuch. Wer w\u00fcrde hier widersprechen? Der gut gelaunte Kellner serviert zwei Cappuccini. An der Stra\u00dfe beobachten wir indessen eine Alltagsszene. Ein Obdachloser, der am Randstreifen in einer Art Zelt wohnt, mit einem Einkaufswagen davor, spricht ein paar junge Frauen an. Er verlangt nach einem Obolus. Unser Keller schreitet ein und begleitet die Passanten, die sich bel\u00e4stigt f\u00fchlen in sein Caf\u00e9. Dann kehrt er zur\u00fcck und \u00fcberreicht dem Mann eine Pizza und eine Flasche Wasser. Der Empf\u00e4nger nickt stumm. Armut, und der Umgang mit ihr, ist ein uraltes Thema in Sizilien. Wir erinnern uns an die tausende Fl\u00fcchtlinge, die jedes Jahr an den K\u00fcsten S\u00fcditaliens stranden. Was wird die Geschichte von ihrem Schicksal erz\u00e4hlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit von hier besuchen wir den Park Guilia, den Goethe in seinen Aufzeichnungen verewigt hat. \u201eEs ist der wunderbarste Ort der Welt\u201c schrieb er unter dem Eindruck der duftenden Pflanzenwelt und sieht sich ins Altertum versetzt. Nach den Stationen Rom, Neapel und Palermo schlie\u00dft sich der Kreis. Der Besuch des \u201eWundergartens\u201c regt ihn zur Lekt\u00fcre von Homers Odyssee an.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wirkt die Anlage etwas ungepflegt und heruntergekommen. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde kurz nach Goethes Besuch der botanische Garten er\u00f6ffnet. Hier empfindet man die Begeisterung des Dichters \u00fcber Flora und Fauna der Insel. Es gibt alleine achtzig verschiedene Palmensorten zu bestaunen. Sizilien wurde nicht nur durch unterschiedlichste Menschen gepr\u00e4gt. \u201eEinwanderer\u201c der Pflanzenwelt bereichern heute ebenso die Landschaft. Die Zitronen, die den Mythos des Landes ausmachen und unserer Italiensehnsucht symbolisiert, brachten die Araber mit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Palermo, die Hauptstadt Siziliens, ist ein faszinierender Schmelztiegel aus Geschichte, Kultur und kulinarischem Erbe. 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