{"id":730,"date":"2025-05-17T12:29:09","date_gmt":"2025-05-17T10:29:09","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=730"},"modified":"2025-05-17T12:29:11","modified_gmt":"2025-05-17T10:29:11","slug":"stimmungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/stimmungen\/","title":{"rendered":"Stimmungen"},"content":{"rendered":"<p>An der malerischen S\u00fcdk\u00fcste Siziliens, direkt am t\u00fcrkisblauen Mittelmeer, liegt Selinunt \u2013 eine der eindrucksvollsten arch\u00e4ologischen St\u00e4tten Europas. Einst eine m\u00e4chtige griechische Kolonie, ist Selinunt heute vor allem f\u00fcr seine imposanten Tempelruinen bekannt, die majest\u00e4tisch \u00fcber der K\u00fcste thronen.<br>Besonders beeindruckend sind Tempel E \u2013 vermutlich der Hera geweiht \u2013 mit seinen weitgehend rekonstruierten S\u00e4ulen, und Tempel G, einer der gr\u00f6\u00dften je errichteten dorischen Tempel, dessen monumentale Tr\u00fcmmer noch heute gewaltige Ausma\u00dfe erahnen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Doch nicht alles ist so klar erkennbar: \u00dcber das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde verteilt liegen unz\u00e4hlige Tr\u00fcmmerteile \u2013 S\u00e4ulenreste und Mauerfragmente \u2013 die sich f\u00fcr den Laien nur mit viel Fantasie sinnvoll zusammensetzen lassen. Gerade dieser Kontrast aus aufgebauten und scheinbar chaotischen Ruinen verleiht diesem Ort eine ganz besondere Atmosph\u00e4re \u2013 zwischen arch\u00e4ologischer Entdeckung und stillem Verfall.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir kommen etwas abgek\u00e4mpft an. Auf Google-Maps sah die Strecke f\u00fcr Radfahrer einfach aus. In Wirklichkeit verfahren wir uns, k\u00e4mpfen uns durch Gestr\u00fcpp, \u00fcberwinden einen Zaun. Wir schimpfen auf die Technik. Und wir begegnen Wachhunden, die &#8211; Gott sei Dank &#8211; gn\u00e4dig reagieren. Dann geht es eine Weile bergauf, wir schnaufen in der Morgensonne und stehen auf der Anh\u00f6he unvermittelt vor grandioser Landschaft und einem gro\u00dfen Tempel. Allerdings sind wir an diesem Morgen ein wenig aus dem Tritt geraten und noch nicht bereit f\u00fcr eine tiefere Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Jeder Reisende wei\u00df, wie wichtig die eigene Stimmung f\u00fcr unsere Eindr\u00fccke ist. Diese Schwankungen k\u00f6nnen auch Genies ergreifen. Als Goethe die Insel am 13. Mai 1787 verl\u00e4sst, ger\u00e4t das Schiff in einen Sturm. Der Dichter wird seekrank und blickt auf seine Reise zur\u00fcck, die nun in \u201ekeinem angenehmen Licht erscheint\u201c. Er ger\u00e4t in einen seelischen Strudel und zweifelt am Sinn seiner Erkundungen. \u201eWir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als durchaus eitle Bem\u00fchungen des Menschengeschlechts, sich gegen die Gewaltsamkeit der Natur, gegen die h\u00e4mische T\u00fccke der Zeit und gegen den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten.\u201c Selinunt beklagte er weiter, \u201eliegt methodisch umgeworfen\u201c in der Tradition vergangener und k\u00fcnftiger Zerst\u00f6rungskraft. Die nihilistische Anwandlung korrigiert Goethe sogleich: \u201eDiese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten lie\u00df ich nicht Herrschaft gewinnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir stellen unsere Fahrr\u00e4der ab und besuchen zun\u00e4chst das Museum, das zwischen den beiden Tempeln liegt. Wir wandern durch die Ausstellungsr\u00e4ume, lesen einige Texte, betrachten Vasen in den Vitrinen und sind etwas ungeduldig, denn mehr interessiert uns insgeheim der Cappuccino, der im Hof angeboten wird. So ist es nur ein Satz, den wir wirklich mitnehmen. Er ist am Eingang des Museums zu lesen und stammt von dem franz\u00f6sischen Philosophen Jean Paul Sartre: \u201eWir hinterfragen die Tempel von Selinunt, ihr Schweigen hatte mehr Gewicht als viele Worte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Bei einer Tasse Caf\u00e9 besprechen wir das R\u00e4tselwort des Existentialisten. Meint er etwa, dass die leblosen Steine, die die Anlage bilden, uns Heutigen, den letzten Touristen, nichts mehr zu sagen haben? Oder ist diese negative Interpretation, nur unserer eigenen Stimmung geschuldet? Stimmungswechsel sind manchmal Kleinigkeiten geschuldet. Sie werden durch eine Pflanze, die man sieht, einem Blick eines Passanten oder &#8211; wie in unserem Fall &#8211; durch die belebende Wirkung eines guten Cappucinos verursacht.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Als wir wieder aus dem dunklen Innenhof in die sonnige Landschaft vor dem Geb\u00e4ude treten, erinnern wir uns an eine Passage aus den Wanderjahren des Italienreisenden Ferdinand Gregorovius. Er schrieb \u00fcber seinen Besuch: \u201eZu Selinunt stellt sich nur eine einzige Epoche dar, ringsum keine Spur von Leben, die feierlichste \u00d6de zu beiden Seiten, eine grenzenlose, aber selige Verlassenheit, ein verschwimmender Meereshorizont, tiefstes Schweigen und mythenvolle, odyseeische Einsamkeit.\u201c Diese Worte, finden wir, passen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Es gibt eine ganze Philosophie \u00fcber die Wirkung von Ruinen auf den Menschen. Wir k\u00f6nnen sie sch\u00f6n finden, oder aber in ihnen Symbole f\u00fcr die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens sehen und verzweifeln. Wir versinken dann im Mythos des Sisyfos. Aber, mit den imagin\u00e4ren F\u00e4higkeiten, \u00fcber die wir verf\u00fcgen, k\u00f6nnen wir uns genauso in einen Zeitraum versetzen, der uns an einem anderen Leben Teil nehmen l\u00e4sst. Wir ahnen dann Verh\u00e4ltnisse, die in einem Zwischenraum, zwischen Himmel und Erde, Menschen und G\u00f6ttern angesiedelt sind.<\/p>\n\n\n\n<p><br>In diesem Falle sprechen auch Steine, die von den gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen erz\u00e4hlen. Diese Stimmung muss nicht r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt sein, sie erhebt uns vielmehr im Hier und Jetzt in einen anderen Zustand, der f\u00fcr die eigene Zukunft entscheidend sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir sind nun vers\u00f6hnt mit diesem Tag. Wir laufen auf eine Anh\u00f6he hinauf, die eine Rundumsicht gew\u00e4hrt. Im Schatten sitzend blicken wir \u00fcber die Tempel hinweg auf das blaue Meer. Wir beobachten Eidechsen, die zwischen den Steinen leben, von jeher Bewohner, die nicht in zeitlichen Kategorien denken. Sie sind in der Sonne einfach nur da. Wie wir.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Es ist sp\u00e4t geworden und wir verlassen den Park auf dem offiziellen Weg, an staunenden Besuchern vorbei, die im Gegensatz zu uns lange Wege gehen m\u00fcssen. Im Kassengeb\u00e4ude, durch das wir unsere Fahrr\u00e4der schieben, stellt uns eine Ordnungskraft. Man muss kein Italienisch k\u00f6nnen, um aus dem zischenden Ton den Vorwurf herauszuh\u00f6ren, dass wir Gesetze gebrochen haben. Wir schieben die Schuld auf die moderne Technik, die uns den Weg gewiesen hat. Die nachtr\u00e4gliche Entrichtung des Eintrittspreises ist kein Problem f\u00fcr uns, sorgt aber nicht daf\u00fcr, dass das Gespr\u00e4ch freundlich endet.<br>Wir sind ungehalten und zahlen &#8211; ohne, dass wir es gleich bemerken &#8211; einen anderen Preis. Die Welt hat uns wieder.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der malerischen S\u00fcdk\u00fcste Siziliens, direkt am t\u00fcrkisblauen Mittelmeer, liegt Selinunt \u2013 eine der eindrucksvollsten arch\u00e4ologischen St\u00e4tten Europas. 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