{"id":734,"date":"2025-05-20T16:32:14","date_gmt":"2025-05-20T14:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=734"},"modified":"2025-05-20T16:32:16","modified_gmt":"2025-05-20T14:32:16","slug":"pirandello","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/pirandello\/","title":{"rendered":"Pirandello"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sehnsucht nach dem Leben im S\u00fcden, ist sie Teil des modernen Spiels mit den Identit\u00e4ten? Wir besuchen einen Ort mit dem sinnreichen Namen \u201eCaos\u201c. Dort, am Stadtrand von Agrigent, wurde am 28. Juni 1867 der Nobelpreistr\u00e4ger Luigi Pirandello geboren. Wie kein anderer beschreibt er Sizilien und seine Menschen. Das Geburtshaus des Schriftstellers steht heute auf unserem Besuchsprogramm.<br>Seine sizilianischen Novellen, wie zum Beispiel \u201eCi\u00e0ula entdeckt den Mond\u201c, schaffen unvergessliche Bilder und geh\u00f6ren zum besten, was je geschrieben worden ist. Ci\u00e0ula ist ein junger Mann, der als Lastentr\u00e4ger in einer Schwefelmine in Sizilien arbeitet. Sein Leben ist hart, von Armut und Missachtung von seinem eigenen Umfeld gepr\u00e4gt. Er f\u00fcrchtet die Dunkelheit und gilt bei den anderen Arbeitern als einf\u00e4ltig. Nach einem anstrengenden Tag wird Ci\u00e0ula gezwungen, noch einmal mit einem schweren Korb Schwefel zur Oberfl\u00e4che zu steigen, obwohl es bereits Nacht ist. Der Weg aus dem Labyrinth verl\u00e4uft durch enge, dunkle Stollen \u2013 etwas, das ihm gro\u00dfe Angst macht. Doch als er aus dem Schacht tritt, geschieht das Unerwartete: Er sieht zum ersten Mal bewusst den Mond. Dieser Anblick l\u00f6st in ihm eine tiefe emotionale Ersch\u00fctterung und ein Staunen aus. Er ist \u00fcberw\u00e4ltigt von der Sch\u00f6nheit der Welt \u2013 eine Offenbarung, die fast wie ein spirituelles Erwachen wirkt: \u201eGro\u00df, ruhig, wie in einem frischen, leuchtenden Ozean der Stille stand ihm der Mond gegen\u00fcber\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein anderes Beispiel f\u00fcr die erz\u00e4hlerische Meisterschaft Pirandellos ist die Novelle \u201eDa s\u00e9\u201c. Die Geschichte dreht sich um einen Mann mittleren Alters, der in seiner Jugend als wohlhabend und angesehen galt, nun jedoch verarmt ist und mit den Konsequenzen seiner gescheiterten Existenz zu k\u00e4mpfen hat. Der soziale Abstieg und die Verzweiflung \u00fcber seine Situation treiben ihn zu dem Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Er ist der Meinung, dass der Tod die einzige M\u00f6glichkeit ist, der Belastung f\u00fcr seine Angeh\u00f6rigen zu entkommen. Er wandert in die Berge, um allein und abgeschieden zu sterben \u2013 weit entfernt von seiner Familie und ohne dass jemand von seinem Selbstmord ahnt. Im letzten Moment entscheidet er sich jedoch, selbst zum Friedhof zu gehen, um seinen Angeh\u00f6rigen weitere Kosten zu ersparen. Auf diesem Weg, innerlich losgel\u00f6st von den Bindungen an die Welt, erf\u00e4hrt er das ganze Wunder des Seins.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Novellen zeigen Pirandellos F\u00e4higkeit, das Absurde des Lebens mit einer tiefen philosophischen Reflexion zu verbinden. Der tragikomische Moment \u2013 das Aufeinandertreffen von Verzweiflung und Hoffnung \u2013 ist typisch f\u00fcr den Denker, der in seinen Arbeiten immer wieder den inneren Konflikt des Menschen untersucht. Jenseits der materiellen Verh\u00e4ltnisse &#8211; egal ob es sich um Bauern, Tagel\u00f6hner, B\u00fcrger, Adelige, Unternehmer, Notare oder \u00c4rzte handelt -, alle Figuren des Schriftstellers verbinden die Tragik der Existenz. Und, es sind Menschen, die Teil ihrer Heimat sind und gleichzeitig als universelle Gestalten verstehbar sind. Die Idee des Nationalismus wird ihnen nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der philosophischen Grundfragen, die Pirandello behandelt, ist die Frage nach der Identit\u00e4t. F\u00fcr ihn ist die Realit\u00e4t ein kontinuierlicher Fluss, und alles, was sich von diesem Strom l\u00f6st, stirbt. Die Wirklichkeit hat eine Vielzahl von Aspekten und ist nicht rational zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cAch, Sie glauben, Konstruktion h\u00e4tte nur mit Geb\u00e4uden zu tun? Ich konstruiere mich andauernd, und ich konstruiere Sie, und Sie tun dasselbe. Und die Konstruktion h\u00e4lt so lange, bis das Material unserer Gef\u00fchle zerbr\u00f6ckelt und der Zement unseres Willens zerf\u00e4llt. [\u2026] Es gen\u00fcgt, dass der Wille ein wenig schwankt und sich die Gef\u00fchle in einem Punkt wandeln, ja auch nur geringf\u00fcgig ver\u00e4ndern, und dahin ist unsere Wirklichkeit!\u201d (Einer, keiner, hunderttausend, 1925)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt vom Menschen, wenn alle Masken gefallen sind? F\u00fcr Luigi Pirandello lautet die Antwort: nichts, oder \u2013 schlimmer \u2013 zu viel. Nicht der Kern tritt zutage, sondern ein Durcheinander aus Rollen, Blicken, Zuschreibungen. Das Werk st\u00fctzt keine Ideologie, nicht einmal die des Zweifelns. Der Mensch ist eine B\u00fchnenfigur \u2013 aber ohne St\u00fcck, ohne Regisseur, ohne Rolle, die ihm wirklich geh\u00f6rt.<br>In einer Welt, die nach Haltung verlangt, nach Klarheit, Zugeh\u00f6rigkeit und Weltanschauung, ist das ein Affront. Pirandello erkl\u00e4rt keine Alternative, ruft zu nicht zur Revolution auf. Er stellt sich nicht in eine Linie, gr\u00fcndet weder eine Schule, noch bekennt er sich zu einer Partei. Seine Figuren \u2013 selbst die, die handeln \u2013 glauben nicht an das, was sie tun. Sie spielen, weil es verlangt wird, ohne zu wissen, wer sie sind. In einer Zeit, in der alle etwas sein wollen \u2013 eindeutig, sichtbar, richtig \u2013, fl\u00fcstert Pirandello: \u201eDu bist nichts. Du bist viele. Du bist ein Spiegel im Nebel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur, fragen wir uns, auf einer Bank im Garten des Dichterhauses, ist der in diesem Sinne \u201eidentit\u00e4tslose\u201c Mensch am Ende nur ein Spielball der politischen M\u00e4chte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was wir wissen: Wir sprechen Sprachen, die Erkl\u00e4rungsmodelle erm\u00f6glichen und wir sind in der jeweiligen geografischen Situation &#8211; auf unterschiedlichste Weise &#8211; kulturstiftend. Zu verstehen, dass die Identit\u00e4ten flie\u00dfend sind, wir im Alltag verschiedene Rollen annehmen, dass sich unsere Pers\u00f6nlichkeit permanent aufl\u00f6st, ver\u00e4ndert und entwickelt, ist die Quintessenz dieses Verst\u00e4ndnisses der Moderne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Besch\u00e4ftigung mit europ\u00e4ischen Schriftstellern zeigt uns, welche Fragen in dieser Zeit zu beantworten sind. Sie sind Vorlagen f\u00fcr einen Dialog der Kulturen. \u00dcberhaupt ist das Lesen etwas, das &#8211; wie die Bildung &#8211; mit unserer Unabh\u00e4ngigkeit konstituiert. Nur in der Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen gewinnen wir die Souver\u00e4nit\u00e4t im Umgang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Timothy Snyder schreibt in seinem neuesten Buch \u00fcber den Kontext von Lesen, Bildung und Freiheit:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnsere derzeitige Laune, die Vergangenheit aus meist selbstgerechten Gr\u00fcnden zu verwerfen, hat mit unserer technisierten Unf\u00e4higkeit zu tun, uns zu konzentrieren und zu tolerieren. Wir werden von einer Social-Media-Nemesis darauf trainiert, der Herde zu folgen und die Herde zu keulen. Doch wenn wir uns dem Lesen verweigern, tauschen wir nicht die Vergangenheit gegen die Zukunft ein. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Wir tauschen die Vergangenheit gegen einen prek\u00e4ren Stillstand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Dichterhaus in Caos ist die Moderne eingezogen. Nach der Renovierung muss man eine App herunterladen, um das Gewirr von Schaubildern, Video-Pr\u00e4sentationen und alten Handschriften zu ordnen. Ein Chaos von Eindr\u00fccken auf engstem Raum. Nach dem Besuch der Ausstellung laufen wir \u00fcber den Parkplatz zu einer Baracke, die mit der gro\u00dfen Aufschrift \u201eLiteraturcaf\u00e9\u201c wirbt. Vor dem Geb\u00e4ude sitzen vier alte M\u00e4nner und sonnen sich. Wir gr\u00fc\u00dfen. Unsere Anfrage nach einem Cappuccino verneinen sie lachend. So etwas gibt es hier schon lange nicht mehr! Wir fragen, ob B\u00fccher zum Verkauf stehen. Einer der Senioren steht auf, f\u00fchrt uns an die T\u00fcr des Caf\u00e9s und zeigt auf einen B\u00fccherschrank. Er ist leer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sehnsucht nach dem Leben im S\u00fcden, ist sie Teil des modernen Spiels mit den Identit\u00e4ten? Wir besuchen einen Ort mit dem sinnreichen Namen \u201eCaos\u201c. Dort, am Stadtrand von Agrigent, wurde am 28. 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