{"id":737,"date":"2025-05-23T13:49:51","date_gmt":"2025-05-23T11:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=737"},"modified":"2025-05-23T13:49:53","modified_gmt":"2025-05-23T11:49:53","slug":"garten-der-ruinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/garten-der-ruinen\/","title":{"rendered":"Garten der Ruinen"},"content":{"rendered":"<p>Etwa vierzigtausend Kilometer hat Goethe in seinem Leben bew\u00e4ltigt, zu Lande, zu Wasser, zu Fu\u00df und zu Pferd, mit dem Postwagen oder der eigenen Kutsche, mit Kahn und Schiff. Man staunt \u00fcber diese Energieleistung, zumal die italienische Reise oft ein gef\u00e4hrliches Abenteuer war. Neben den k\u00f6rperlichen Anstrengungen und den gewagten Ausritten zu Pferde, verzichtet der Schriftsteller auf den gewohnten Komfort. In Agrigent gibt es zu seiner Zeit keine Gasth\u00f6fe. Er kommt privat unter. Eine freundliche Familie macht Platz und r\u00e4umt ihm einen erh\u00f6hten Alkoven ein. Ein gr\u00fcner Vorhang trennt ihn und sein Gep\u00e4ck von den Hausmitgliedern, welche in dem gro\u00dfen Zimmer Nudeln fabrizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe nutzte seine Zeit, die Spuren der Antike zu besichtigen. Sein Anspruch war &#8211; wie er in Rom vermerkt &#8211; hoch: \u201e\u00dcberhaupt ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke, dass sie uns in einen Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die sie hervorbrachten.\u201c In seinem Reisebericht sind einige Sarkophage in der Kirche San Gerlando erw\u00e4hnt. \u201eMich d\u00fcnkt, von halberhabener Arbeit nichts Herrlicheres gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir einstweilen als ein Beispiel anmutigster Zeit griechischer Kunst gelten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserem Stadtrundgang wandern wir durch die engen Gassen, sie sind in arabischer Zeit entstanden, hinauf zu dem Dom, um dieser Empfehlung zu folgen. Und wir staunen ebenso \u00fcber die 2000 Jahre alten Kunstwerke. Der Blick auf die Stadt &#8211; das Bauwerk steht an h\u00f6chster Stelle &#8211; zeigt die urbane Entwicklung, bis hin zu einigen modernen Wohnsilos, die das Bild abrunden. Es ist ruhig hier, weil die meisten Touristen nicht die Altstadt hinaufsteigen, sondern nur das Tal der Tempel besuchen. Zur\u00fcck am Hauptplatz sehen wir auf eines der beeindruckenden Bauwerke hinunter. Goethe schrieb: \u201eDer Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst n\u00e4hert ihn schon unserem Ma\u00dfstab des Sch\u00f6nen und Gef\u00e4lligen (\u2026)\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist dieser Ma\u00dfstab, von dem Goethe hier spricht? \u00dcber die Jahrhunderte war eigentlich nicht strittig, was sch\u00f6n und gut ist. Platon unterscheidet zwischen der sichtbaren Welt der Dinge und der unsichtbaren Welt der Ideen (oder Formen). Sch\u00f6nheit, wie wir sie wahrnehmen \u2013 etwa in Gesichtern, Kunstwerken oder in der Natur \u2013 ist f\u00fcr ihn nur ein Abbild, ein Schatten der Vollkommenheit. Diese Wirklichkeit existiert unabh\u00e4ngig von Zeit und Raum und ist unver\u00e4nderlich. F\u00fcr den Philosophen sind die Ideale eng miteinander verbunden \u2013 sie sind verschiedene Aspekte derselben h\u00f6chsten Idee. Deshalb hat Sch\u00f6nheit f\u00fcr Platon eine ethische und metaphysische Dimension: Sie zieht die Seele an, weil sie eine Ahnung des G\u00f6ttlichen vermittelt. Der Platonismus wurde von sp\u00e4teren Denkern, zum Beispiel Nietzsche, kritisiert, da er Gott bzw. das G\u00f6ttliche in einen abgehobenen, unzug\u00e4nglichen Raum zu verlagern scheint, wodurch die konkrete Welt an Wert verlieren k\u00f6nnte. Goethe folgt diesen Bedenken grunds\u00e4tzlich, er war kein Freund abstrakter Metaphysik. Er sch\u00e4tzte das unmittelbare Erleben, das sinnliche Erfahren und die Naturbeobachtung h\u00f6her als spekulative Systeme. In seinen naturwissenschaftlichen Schriften wandte er sich gegen die Abstraktion, wie sie bei Platon typisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9 unterhalten wir uns \u00fcber den Sch\u00f6nheitsbegriff unserer Zeit. Die Entwicklung unserer St\u00e4dte zeigt, dass es unter uns enorme Unterschiede des \u00e4sthetischen Empfindens gibt. In Sizilien erleben wir die Faszination, wenn die Architektur zu einer Symbiose, zum Teil einer Landschaft wird und die Gestaltung \u00f6rtliche Einfl\u00fcsse \u00fcbernimmt. Der Zauber dieser Baukunst wirkt bis heute, zeigt sich in einem Staunen, der Menschen aus allen Kontinenten verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Busbahnhof, den wir aufsuchen, um zu unserer Unterkunft zu fahren, herrscht st\u00e4dtebauliche Tristesse. Wir bewegen uns in einer Gegenwelt, in einer Ecke der Stadt, in der es wenig zu bestaunen gibt. Von platonischen Idealen ist hier jedenfalls nichts zu sp\u00fcren. Der Platz, nur einige hundert Meter weg von der schmucken Innenstadt, ist schmutzig. Zudem ist das System des \u00f6rtlichen Nahverkehrs f\u00fcr Fremde nur schwer zu durchschauen. Wir sind froh, endlich den Busfahrer zu finden, dessen Bus zu unserer Unterkunft f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann tr\u00e4gt eine Sonnenbrille und str\u00f6mt sizilianische Gelassenheit aus. Er nutzt die Zeit bis zur Abfahrt, um uns zu unterhalten, und ist sichtbar begeistert uns ein paar Tipps zu geben. Dass wir kein Italienisch sprechen, st\u00f6rt ihn nicht. Er listet Str\u00e4nde, Aussichtspunkte, Lokale und Caf\u00e9s in der Umgebung auf, deren Namen wir nicht verstehen, aber die seiner Meinung nach alle etwas gemeinsam haben: Sie sind sch\u00f6n. Die anschlie\u00dfende Fahrt wird zu einer Odyssee, da die Buslinie kreuz und quer verl\u00e4uft und scheinbar alle Vororte verbindet. Daf\u00fcr verabschiedet uns der Fahrer am Ziel per Handschlag und w\u00fcnscht uns &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; eine sch\u00f6ne Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen brechen wir auf, um die Hauptsehensw\u00fcrdigkeit der Stadt zu sehen. Das Tal der Tempel geh\u00f6rt zu den bedeutendsten arch\u00e4ologischen St\u00e4tten Siziliens \u2013 und zu den am besten erhaltenen Zeugnissen der griechischen Antike au\u00dferhalb Griechenlands. Die Anlage ist weitl\u00e4ufig und eine Welt f\u00fcr sich. Sie erstreckt sich entlang eines H\u00fcgels mit Blick auf das Mittelmeer und vereint eindrucksvoll monumentale Tempelarchitektur mit mediterraner Pflanzenvielfalt. Zwischen Mandelb\u00e4umen, Olivenhainen und Agaven wirkt die Tempellandschaft fast wie ein botanischer Garten mit antiken Kulissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den herausragenden Bauwerken z\u00e4hlen der Tempel der Concordia, einer der besterhaltenen dorischen Tempel der Welt. Der Tempel des Herakles ist der \u00e4lteste der Anlage. Der Tempel des Zeus Olympios, f\u00e4llt durch seine gewaltigen Ausma\u00dfe auf, auch wenn er heute nur in Fragmenten erhalten ist. Am \u00f6stlichen Ende der Anlage befindet sich zudem das Grab des Theron, ein turmartiges Monument aus hellenistischer Zeit, dessen genaue Funktion bis heute nicht eindeutig gekl\u00e4rt ist. Vermutlich war es ein Ehrenmal f\u00fcr Gefallene der Punischen Kriege.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Unser Rundgang durch das Tal ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern &#8211; wie wir finden &#8211; ein Naturerlebnis. Wir entdecken im wahrsten Sinne des Wortes einen \u201egoetheanischen\u201c Ort: Natur, Kunst und die Antike verschmelzen ineinander. Die leicht ansteigende Hauptstra\u00dfe, zwei Kilometer lang, endet an einem Gedenkplatz, der an die ethischen Verpflichtungen des Menschen erinnert. Kleine Tafeln erinnern an den Einsatz von Zeitgenossen, an ihren Kampf gegen die Tyrannei, die Diktatur und den Antisemitismus. Die Idee, die Besucher, darunter viele Schulklassen, zu einer Aktualisierung der Themen \u201eEthik und Sch\u00f6nheit\u201c aufzurufen, gef\u00e4llt uns.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Neben einer Kunstausstellung, mit zeitgen\u00f6ssischen Werken, erh\u00e4lt ebenso die Poesie ihren Platz. Auf einer Tafel an einer alten Mauer lesen wir das Gedicht, \u201eEin Garten der Ruinen\u201c, von Carmelo Mezzasalma. Wir fotografieren die Zeilen und setzen uns in das Museumscaf\u00e9, um den Text zu \u00fcbersetzen. Er lautet:<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wer wird \u00fcber diese Steine weinen,<br>jahrtausendealt, so wartend auf einen Befehl?<br>Sieh, Du gehst durch eine Luft,<br>die nach Sandstein riecht, ber\u00fchrt vom Flug der Sonne.<br>Sp\u00e4he in die Zeit in dir und miss den Schritt von Generationen,<br>die hier vielleicht das Antlitz Gottes suchten.<br>Und wer sind wir nun, da wir in diesen Steinen<br>auch unser Verlieren und unsere M\u00fchen zur\u00fccklassen?<br>Wer wird \u00fcber unseren Exodus weinen?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Carmelo Mezzasalma ist ein italienischer Priester, Dichter und Kulturwissenschaftler. Bekannt ist er f\u00fcr sein Engagement im interkulturellen Dialog und seine spirituelle Lyrik. Seine poetischen Werke sind von philosophischen Themen gepr\u00e4gt. In einem seiner B\u00fccher, \u201eIl silenzio e la memoria\u201c (\u201eDas Schweigen und die Erinnerung\u201c), reflektiert er \u00fcber die Bedeutung von Stille und Erinnerung in einer konsumorientierten Gesellschaft. Der Dichter betont, dass der Mensch nicht nur konsumieren, sondern sich mit dem G\u00f6ttlichen verbinden m\u00f6chte \u2013 ein Wunsch nach Transzendenz und Hingabe.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Jedes Kunstwerk der Vergangenheit muss, wie es Mezzasalma versucht, neu gelesen werden. Goethe wusste auf seiner Reise nach Italien, dass es kein Zur\u00fcck in die griechische Epoche gibt. Er hatte eine Ahnung, dass der Verlust der Einigkeit \u00fcber das Wahre und Sch\u00f6ne droht und die Erfahrung der Einheit allen Seins schwierig wird. Erhofft hat er sich eine Wiederbelebung der Tugenden und ihre Aktualisierung &#8211; in Taten und Werken &#8211; nach seiner R\u00fcckkehr, in seiner Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa vierzigtausend Kilometer hat Goethe in seinem Leben bew\u00e4ltigt, zu Lande, zu Wasser, zu Fu\u00df und zu Pferd, mit dem Postwagen oder der eigenen Kutsche, mit Kahn und Schiff. 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