{"id":740,"date":"2025-05-26T19:18:42","date_gmt":"2025-05-26T17:18:42","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=740"},"modified":"2025-05-26T19:18:44","modified_gmt":"2025-05-26T17:18:44","slug":"auf-dem-aetna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/auf-dem-aetna\/","title":{"rendered":"Auf dem \u00c4tna"},"content":{"rendered":"<p>In der Landschaft rund um den \u00c4tna treffen Gegens\u00e4tze aufeinander. Die Natur zeigt sich hier in ihrer sch\u00f6nsten, aber auch in ihrer zerst\u00f6rerischsten Form. Die gewaltigen Kr\u00e4fte unter der Erde erz\u00e4hlen von st\u00e4ndiger Verwandlung \u2013 ein unaufh\u00f6rlicher Zyklus aus Zerst\u00f6rung und Erneuerung. Trotz der st\u00e4ndigen Bedrohung z\u00e4hlt die Region zu den am dichtesten besiedelten auf Sizilien. Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Sobald die Lava abgek\u00fchlt ist, hinterl\u00e4sst sie einen fruchtbaren Boden, der alles gedeihen l\u00e4sst.<br>Unsere Reise f\u00fchrt uns nach Nicolosi, das als s\u00fcdliches Tor zum \u00c4tna gilt. Im 18. Jahrhundert sah es hier noch ganz anders aus. Der deutsche Reisende Johann Hermann von Riedesel beschrieb den Ort so: \u201eUm Nicolosi selbst ist alles mit Sand, welchen der Berg zu verschiedenen Malen ausgeworfen, \u00fcbersch\u00fcttet, und man siehet nichts als Maulbeerb\u00e4ume in diesem verbrannten Erdreiche, welche jedoch als ein Wunder gut wachsen und Bl\u00e4tter bringen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die alten Lavastr\u00f6me sind heute erstarrt. Als wir ankommen, liegt die gesamte Umgebung in einem dichten Wolkenmeer. Es bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als auf Wetterbesserung zu hoffen.<br>Um die Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken, lesen wir in Goethes Italienischer Reise. Auch er war auf den Spuren von Riedesel unterwegs, hatte dessen Buch im Gep\u00e4ck \u2013 und erlebte ebenfalls eine Entt\u00e4uschung: Der Aufstieg zum Gipfel wird ihm wegen der Jahreszeit nicht empfohlen. Stattdessen r\u00e4t man ihm, den Monte Rossi zu besteigen. \u201eSie werden von da des herrlichsten Anblicks genie\u00dfen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort 1669 entsprungen, ungl\u00fccklicherweise sich nach Catania hereinw\u00e4lzte.\u201c<br>Goethe folgt dem Rat und schildert seine Eindr\u00fccke lebendig:\u2028\u201eWir r\u00fcckten dem roten Berge n\u00e4her, ich stieg hinauf, er ist ganz aus rotem vulkanischen Grus, Asche und Steinen zusammengeh\u00e4uft.\u201c Doch ein Sturm zwingt ihn bald zum R\u00fcckzug. Sein Reisebegleiter, der Maler Kniep, fertigt Skizzen zur Erinnerung an.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Am n\u00e4chsten Tag liegt der \u00c4tna noch immer unter dichten Wolken. Es regnet. Dennoch machen wir uns zu Fu\u00df auf den Weg zum Monte Rossi \u2013 rund zwei Stunden entfernt. Gl\u00fccklicherweise rei\u00dft das Wolkenband rund um den kleinen Nebenkrater auf. Auch wenn der \u00c4tna selbst nicht zu sehen ist, reicht der Blick nun bis nach Catania und \u00fcber die beeindruckende Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Dann, endlich, am n\u00e4chsten Morgen bricht die Sonne durch. Wir fahren zur Talstation am S\u00fcdhang des \u00c4tna, auf fast 2.000 Meter H\u00f6he. Heute ist das Gebiet touristisch erschlossen \u2013 eine Erkundung erfordert keinen besonderen Wagemut mehr. Mit der Seilbahn und Gel\u00e4ndewagen geht es weiter nach oben. Von dort aus wandern wir, gef\u00fchrt von einem Bergf\u00fchrer, entlang der Krater. Das gesamte Massiv ist in Bewegung. Immer wieder kommt es zu Eruptionen, neue Krater entstehen, der Gipfel w\u00e4chst. Der Wind peitscht, es ist schwer, auf den Beinen zu bleiben \u2013 man sp\u00fcrt die unb\u00e4ndige Kraft dieser Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Schon Goethe und seine Zeitgenossen versuchten, dieses Erlebnis in Worte zu fassen. Der englische Reisende Patrick Brydon schrieb: \u201eDoch hier muss jede Beschreibung zu kurz kommen: denn keine menschliche Einbildungskraft hat es wohl je gewagt, sich ein Bild von einer so herrlichen und pr\u00e4chtigen Scene zu denken, noch gibt es auf der Oberfl\u00e4che unsers Erdballes einen Punkt, der so viele erhabene Gegenst\u00e4nde vereinigte.\u201c Auch Riedesel notierte voller Begeisterung: \u201eHier, auf diesem Gipfel eines der h\u00f6chsten Berge in der Welt, genoss ich der weitesten und sch\u00f6nsten Aussicht, welche zu erdenken ist. Hinter den apenninischen Geb\u00fcrgen in Calabrien sahe ich die Sonne aufgehen und hervorkommen; sie beleuchtete die ganze morgenseitige K\u00fcste Siciliens, und das Meer welches diese Insel von Calabrien scheidet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir denken hier oben unweigerlich an eine andere gro\u00dfe Reiseerz\u00e4hlung: Homers Odyssee. Wie muss der feuerspeiende \u00c4tna auf die antiken Griechen gewirkt haben, lange bevor es wissenschaftliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Vulkane gab? F\u00fcr sie wurde der \u00c4tna zum Symbol des Ungeformten, des Chaos, das der Mensch mit List und Mut zu bezwingen sucht. Der Held Odysseus k\u00e4mpft nicht nur gegen Zyklopen und Sirenen \u2013 er ringt mit den Urgewalten. So wird der Vulkan zum Topos der Seele: ein Ort innerer Pr\u00fcfungen, ein Gleichnis f\u00fcr das Elementare. Ein Vulkan in der Psyche \u2013 vielleicht in jedem von uns, der sich zwischen Gefahr und Heimkehr, Hybris und Demut bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir verbringen einige Zeit an diesem besonderen Ort. Vor dem majest\u00e4tischen Anblick des \u00c4tna stockt einem der Atem \u2013 der Rauch, die Lava, die Kraft aus dem Innersten der Erde. <\/p>\n\n\n\n<p><br>Heute leben wir in einer technisierten Welt. Doch das Bewusstsein w\u00e4chst, dass wir \u2013 trotz allem Fortschritt \u2013 die Natur nicht beherrschen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen mit ihr leben, nicht gegen sie. Diese Wahrheit zeigt sich auch in einer Begebenheit, die das Leben in dieser Region eindrucksvoll spiegelt. Beim gro\u00dfen Ausbruch von 1991\/92 drohte der Lavastrom das Dorf Zafferana Etnea zu zerst\u00f6ren. Wissenschaftler sprengten Dynamit, Ingenieure gruben Kan\u00e4le und errichteten Erdw\u00e4lle, um den Strom umzuleiten. Zementbl\u00f6cke wurden herangeschafft, um ihn zu spalten. Gleichzeitig vertrauten viele Menschen auf h\u00f6here M\u00e4chte: Prozessionen wurden organisiert, in der Hoffnung auf himmlischen Beistand. Als die Lava im Juni 1992 nur wenige Hundert Meter vor dem Ort zum Stillstand kam, sahen sich beide Seiten best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der \u00c4tna hat sich beruhigt \u2013 vorerst. Doch er erinnert uns daran, dass wir Menschen nicht die Herren \u00fcber die Erde sind. Vielleicht ist das seine wichtigste Botschaft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Landschaft rund um den \u00c4tna treffen Gegens\u00e4tze aufeinander. Die Natur zeigt sich hier in ihrer sch\u00f6nsten, aber auch in ihrer zerst\u00f6rerischsten Form. 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