{"id":744,"date":"2025-06-01T19:22:31","date_gmt":"2025-06-01T17:22:31","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=744"},"modified":"2025-06-01T19:22:33","modified_gmt":"2025-06-01T17:22:33","slug":"taormina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/taormina\/","title":{"rendered":"Taormina"},"content":{"rendered":"<p>Taormina \u2013 Wohl kaum ein anderer Ort auf Sizilien zieht so viele Menschen an. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Stadt zum Sehnsuchtsziel der Grand Tour \u2013 ein Ort, der Reisende und Schriftsteller mit seiner Mischung aus antiker Sch\u00f6nheit, mediterraner Sinnlichkeit und kultureller Tiefe magisch anzog. Von hier aus bieten sich einmalige Blicke auf den \u00c4tna \u2013 und entsprechend \u00fcberf\u00fcllt ist die Hauptstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir fl\u00fcchten am Ende der Stra\u00dfe in den Garten eines luxuri\u00f6sen Hotels, eine Oase der Ruhe im Trubel. Auf einem Plateau mit atemberaubender Aussicht befindet sich ein kleines Caf\u00e9, eigentlich nur f\u00fcr Hotelg\u00e4ste. Um unangenehme Fragen nach unserer Aufenthaltsberechtigung zu vermeiden, verwickeln wir die Bedienung in ein Gespr\u00e4ch mit philosophischem Unterton. \u201eIst es wahr\u201c, frage ich, \u201edass ein echter Cappuccino nicht mit Kakao best\u00e4ubt wird?\u201c\u2028Der \u00e4ltere Mann nickt begeistert. \u201eIn einem guten Haus ist das nicht \u00fcblich.\u201c\u2028\u201eDann sind wir hier genau richtig.\u201c Unsere Bestellung wird ohne weitere R\u00fcckfragen aufgenommen. Wir genie\u00dfen die Stille und die Atmosph\u00e4re des Gartens \u2013 ein Zwischenraum zwischen Welt und R\u00fcckzug.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Nat\u00fcrlich wollen wir auch den Blick sehen, der so viele Touristen anzieht. Wir gehen zum antiken Theater, das einzigartig gelegen ist. Goethe beschreibt diesen Anblick in seiner Italienischen Reise: \u201eNun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsr\u00fccken des \u00c4tna hin, links das Meerufer bis Catania, ja Syrakus, dann schlie\u00dft der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosph\u00e4re zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Goethe hatte zeitlebens ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu Vulkanen. Der aufkommenden vulkanistischen Idee, nach der die Erde wesentlich durch Feuer und Explosionen geformt wurde, stand er skeptisch gegen\u00fcber. Stattdessen favorisierte er die neptunistische Theorie, wonach sich Gesteinsschichten aus dem Wasser abgelagert h\u00e4tten \u2013 Ausdruck einer organisch-harmonischen Weltentwicklung. Gewaltige Katastrophen, explosive Umw\u00e4lzungen \u2013 das passte nicht zu seinem Naturverst\u00e4ndnis, das von Entfaltung, Wachstum und innerem Gleichgewicht gepr\u00e4gt war.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Und doch: Der Vulkan faszinierte ihn als Symbol. Ein Ausdruck innerer, verborgener Kr\u00e4fte \u2013 vergleichbar mit menschlichen Leidenschaften oder revolution\u00e4ren Bewegungen. So erscheinen Vulkane bei ihm nicht nur sch\u00f6pferisch, sondern auch zerst\u00f6rerisch. Vielleicht hatte der Dichter recht mit dem Gedanken, dass \u2013 bei aller Notwendigkeit von Ver\u00e4nderung \u2013 evolution\u00e4re Prozesse den revolution\u00e4ren vorzuziehen seien.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Unser Tagesprogramm wird von ganz realen Umst\u00e4nden bestimmt. Das obligatorische Foto mit Blick auf den \u00c4tna kann mit den idealisierten Bildern in den sozialen Netzwerken nicht mithalten. Der freie Blick ist verstellt \u2013 durch die B\u00fchne eines Konzerts von Pl\u00e1cido Domingo.<br>Wir machen uns auf die Suche nach dem Sentiero Goethe, einem malerischen Pfad, der vom Zentrum bis zum antiken Theater f\u00fchrt. Doch aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden ist er \u2013 wie wir entt\u00e4uscht feststellen \u2013 geschlossen.<br>Auch der Zugang zum Grand Hotel Timeo, direkt neben dem Theater gelegen, bleibt uns wegen der Veranstaltung verwehrt. Schade, denn das historische Haus hat eine beeindruckende kulturelle Tradition. Seit 1873 zieht es K\u00fcnstler, Schriftsteller und Prominente aus aller Welt an. Auch Thomas Mann logierte hier, im Jahr 1920.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Zur\u00fcck auf unserem Campingplatz nahe der Stadt ziehen wir Bilanz.\u2028Im Fr\u00fchling ist Sizilien ein bl\u00fchendes Naturwunder, und die Pr\u00e4senz der Antike \u2013 wie Goethe ausf\u00fchrlich beschreibt \u2013 un\u00fcbersehbar. Wir fragen uns auch, ob das islamische Erbe der Insel auf dieser Reise sp\u00fcrbar war. In Sichtweite unserer Unterkunft thront eine Burg, von arabischen Muslimen gegr\u00fcndet und sp\u00e4ter mehrfach umgebaut. Alles hier scheint Teil einer unaufh\u00f6rlichen Metamorphose.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Vielleicht lebt das kulturelle Erbe, das wir suchten, nicht in Steinen \u2013 sondern in Menschen. In einem Menschenschlag, der sich \u00fcber Jahrhunderte aus vielen Quellen gespeist hat.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Ein letztes Mal fahren wir mit dem Rad zum Strand. Kurz vor dem Ziel entdecken wir hinter einer Steinmauer ein altes Schloss. Das Castello di San Marco ist heute ein Hotel. Wir klingeln am schmiedeeisernen Tor. Das Personal hei\u00dft uns freundlich willkommen und \u00fcberreicht eine kleine Brosch\u00fcre mit der Geschichte des Hauses. Ein Mosaik aus Pers\u00f6nlichkeiten pr\u00e4gte diesen Ort seit dem 17. Jahrhundert. Der verstorbene Vater des heutigen Eigent\u00fcmers \u2013 ein bekannter Gesch\u00e4ftsmann, wie man uns erz\u00e4hlt \u2013 war begeistert von der islamischen Kultur Siziliens. Seine Leidenschaft spiegelt sich in vielen Details der Architektur und Gartengestaltung.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Im zauberhaften Garten des Anwesens sitzen wir still und beobachten die G\u00e4ste, die ein und aus gehen. Und fragen uns: Was nehmen sie aus diesem Land mit nach Hause? <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Taormina \u2013 Wohl kaum ein anderer Ort auf Sizilien zieht so viele Menschen an. Bereits im 18. und 19. 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