{"id":769,"date":"2025-08-31T18:38:15","date_gmt":"2025-08-31T16:38:15","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=769"},"modified":"2025-08-31T18:38:17","modified_gmt":"2025-08-31T16:38:17","slug":"der-weltreisende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/der-weltreisende\/","title":{"rendered":"Der Weltreisende"},"content":{"rendered":"<p><br>Das 17. Jahrhundert war ein Zeitalter der neuen Wege. H\u00e4ndler, Gesandte, Pilger und Abenteurer durchquerten Kontinente \u2013 und einige von ihnen schrieben die Welt neu. Unter ihnen ragen drei Namen heraus, die kaum unterschiedlicher sein k\u00f6nnten: Jean-Baptiste Tavernier, der franz\u00f6sische Juwelenh\u00e4ndler, der chinesische Naturbeobachter Xu Xiake und Evliya \u00c7elebi, der osmanische Geschichtenerz\u00e4hler. Vierzig Jahre lang zog Celebi durch das Osmanische Reich und weit dar\u00fcber hinaus \u2013 vom Balkan bis nach \u00c4gypten, von Wien bis nach Mekka. Sein Werk, das Seyahatn\u00e2me, umfasst zehn B\u00e4nde, die nicht nur Landschaften und St\u00e4dte beschreiben, sondern auch zahlreiche Anekdoten und Traumvisionen beinhalten. Eckpfeiler des Werkes bilden die B\u00e4nde \u00fcber Istanbul (Band 1) und Kairo (Band10). Auf unserer Reise nach Istanbul begleitet uns das Reisebuch mit seinem ganzheitlichen Blick auf das soziale Leben. F\u00fcr Evliya war die Welt ein Schauspiel der Vielfalt, die er versuchte, mit Fakten, Erinnerungen und Visionen abzubilden. Das Buch des Reisenden ist kein Zeugnis des Egos des Autors. Der Verfasser spricht von sich stets in der dritten Person. Es ist erstaunlich, durch das moderne Istanbul zu wandern und das zeitlose Erkenntnisverfahren des Gelehrten im Hinterkopf zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Zu jeder Zeit leiten Reisende unterschiedliche Absichten und Motive. Fast zeitgleich zog Jean-Baptiste Tavernier (1605\u20131689) von Paris nach Persien und Indien. Er war kein Gelehrter, sondern H\u00e4ndler: Diamanten und Juwelen waren sein Gesch\u00e4ft. Sechsmal reiste er nach Isfahan, Delhi und Golconda, wo er die legend\u00e4ren Diamantenh\u00f6fe beschrieb. Seine Six Voyages machten ihn in Europa ber\u00fchmt. Der Blick des Kaufmanns war eher praktisch und \u00f6konomisch und seine Schilderungen drehen sich oft um Ma\u00dfe, Preise, Handelswege oder Hofzeremonien, erz\u00e4hlen von Luxus und Macht. Im fernen China wanderte dagegen Xu Xiake (1587\u20131641) durch Berge, Fl\u00fcsse und H\u00f6hlen. Sein Werk, das Xu Xiake Youji (Reisenotizen), umfasst 20 B\u00e4nde und ist eine pr\u00e4zise Dokumentation von Geologie, Hydrologie und Topographie des Reiches der Mitte. Drei Reisende, drei Perspektiven \u2013 und doch geh\u00f6ren sie zusammen. Denn ihre Werke zeigen, wie im 17. Jahrhundert die Welt enger zusammenr\u00fcckte. Osmanen, Europ\u00e4er, Asiaten \u2013 jeder beschrieb auf seine Weise die Vielfalt eines Jahrhunderts, das mit globaler Bedeutung zu erz\u00e4hlen begann.<\/p>\n\n\n\n<p><br>In Istanbul versuchen wir Evliya \u00c7elebi (1611\u20131682), dem Chronisten, Geschichtenerz\u00e4hler und Abenteurer n\u00e4herzukommen. Niemand hat das Osmanische Reich und seine Nachbarl\u00e4nder so detailreich und zugleich so poetisch beschrieben. Als Sohn eines angesehenen Goldschmieds am Hofe wuchs Evliya im Zentrum der osmanischen Macht auf. Schon als Kind erhielt er eine Ausbildung in Musik, Theologie und Sprachen \u2013 eine polyphone Bildung, die ihm sp\u00e4ter in fernen L\u00e4ndern den Zugang erleichtern sollte. Fr\u00fch trat er in den Dienst des Sultans, und bald begann er, seine Reisen aufzuschreiben. Von 1640 bis fast zu seinem Tod war er unterwegs: auf den Schlachtfeldern des Balkans, in den Basaren Kairos, im Palast von Wien, auf Pilgerfahrt nach Mekka. \u00dcber vier Jahrzehnte lang sammelte er seine Eindr\u00fccke, Anekdoten, Legenden und Beobachtungen. Und doch kehrte er immer wieder nach Istanbul zur\u00fcck. Schon im ersten Band seines Werkes widmet er der Stadt eine fast enzyklop\u00e4dische Darstellung seiner Moscheen und Bauwerke. Kein Ort ist so ausf\u00fchrlich beschrieben wie seine Heimatstadt. Istanbul ist f\u00fcr Evliya Celebi nicht nur Heimat, sondern der Mittelpunkt seiner Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Manchmal ist es ein einziger Versprecher, der ein Leben bestimmt. Auf unserem Stadtrundgang besuchen wir die kleine Ahi \u00c7elebi-Moschee am Goldenen Horn in Istanbul. Man ist alleine dort, denn das sakrale Geb\u00e4ude wird von den Touristenstr\u00f6men \u00fcbersehen. Dort &#8211; haben wir in einer Biografie gelesen &#8211; sah der Reiseschriftsteller in einer Vision den Propheten. Aufgel\u00f6st in Emotionen, so berichtet er, wollte er eigentlich die Worte sprechen: \u201e\u015eefaat ya Res\u00fblallah\u201c \u2013 \u201eF\u00fcrbitte, oh Gesandter Gottes\u201c. Stattdessen aber kam ihm ein anderes Wort \u00fcber die Lippen: \u201eSeyahat\u201c \u2013 \u201eReise\u201c. Ein einziger Laut, eine Verschiebung im Klang \u2013 und aus der Bitte um himmlische Gnade wurde die Berufung zu einem Leben voller Bewegung. Der Prophet l\u00e4chelte und sprach: \u201eF\u00fcrbitte, Reisen Und Pilgerfahrten m\u00f6ge Dir Gott samt Gesundheit und Wohlergehen gew\u00e4hren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die erstaunliche Erfahrung ist das Ereignis, dass Celebi zu einem Leben als Weltreisenden inspirierte. Der Versprecher verr\u00e4t, was tief in ihm bereits schlummerte \u2013 eine ungestillte Sehnsucht nach der Fremde, nach Abenteuer, nach der Weite der Welt. Er bat in seinem Traum nicht um Erl\u00f6sung, sondern um eine lebenslange Erfahrung. Und so entfaltete sich aus diesem einem Wort ein ganzes Werk: Zehntausende Kilometer Reise, Begegnungen mit F\u00fcrsten und Bettlern, Beschreibungen von Krokodilen am Nil, von M\u00e4rkten in Kairo und Pal\u00e4sten in Wien. Dieser Traum wurde zum Ausgangspunkt des Seyahatn\u00e2me, jenes gewaltigen zehnb\u00e4ndigen Reisebuches, das uns heute nicht nur St\u00e4dte, M\u00e4rkte und Landschaften des 17. Jahrhunderts vor Augen f\u00fchrt, sondern auch die Mentalit\u00e4t einer Epoche.<br>Der komplexe Erz\u00e4hlstil Celebis ist heute nicht einfach zu verstehen. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan unterscheidet drei Register der psychologischen Erkenntnis: das Imagin\u00e4re (die Welt der Bilder und Visionen), das Symbolische (die Ordnung der Sprache und Kultur) und das Reale (das, was sich dem Verstehen entzieht). Wendet man diese Struktur f\u00fcr die Deutung des Traums von Evliya an, so greifen diese Register ineinander: Die strahlende Versammlung des Propheten, die bildhafte Pracht der Vision geh\u00f6ren zur imagin\u00e4ren, der sprachliche Ausrutscher, der aus \u201e\u015eefaat\u201c ein \u201eSeyahat\u201c macht, ein Laut, der seine ganze Lebensbahn verschiebt, zur symbolischen Ordnung. Der Schock des Traumerlebnisses, ein Ereignis, das sich kaum in Worte fassen l\u00e4sst und dennoch unwiderruflich wirkt, geh\u00f6rt zur Dimension des Realen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Celebi ist ein Grenzg\u00e4nger und versucht immer wieder spirituelle Erfahrungen, die sprachlos machen, f\u00fcr seine Leser in eine symbolische und bildhafte Formensprache zu \u00fcbersetzen. Es ist also das pulsierende Innenleben des Reisenden, das erkl\u00e4rt, warum er in seinem Werk nicht systematisch vorgehen konnte, um seine komplexen Erinnerungen und Eindr\u00fccke zu Papier zu bringen. Celebi selbst vergleicht seinen Opus mit einer aus vielen bunten Flicken zusammengen\u00e4hten Kutte eines Derwisches.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Als Evliya \u00c7elebi im sp\u00e4ten 17. Jahrhundert starb, war sein riesiges Seyahatn\u00e2me zwar im Osmanischen Reich bekannt, aber es blieb ungedruckt. Nur handschriftliche Kopien kursierten in den Bibliotheken von Istanbul, Kairo oder Damaskus. F\u00fcr die westliche Welt war er ein Unbekannter. Erst im 19. Jahrhundert kam der Text nach Europa. Joseph von Hammer-Purgstall (1774\u20131856), ein \u00f6sterreichischer Diplomat, war einer der ersten Europ\u00e4er, die das Osmanische Reich systematisch erforschten. Er beherrschte T\u00fcrkisch, Arabisch und Persisch, ver\u00f6ffentlichte eine monumentale \u201eGeschichte des Osmanischen Reiches\u201c und gilt als Begr\u00fcnder der Orientalistik im deutschsprachigen Raum. Sein Ziel war es, das Osmanische Reich nicht nur als Gegner der Habsburger zu betrachten, sondern seine Kultur ernst zu nehmen und in Europa bekannt zu machen. W\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit in Istanbul stie\u00df Hammer-Purgstall in den osmanischen Bibliotheken auf die Handschriften von Evliya \u00c7elebi. Er war sofort fasziniert: Hier war eine Quelle, die nicht, wie europ\u00e4ische Gesandte oder Reisende, von au\u00dfen auf das Reich blickte, sondern von innen. Er begann, Ausz\u00fcge ins Deutsche zu \u00fcbersetzen und zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Vielen Leser, im von Rationalit\u00e4t gepr\u00e4gten Westen, fiel es schwer, mit den ungewohnten Erz\u00e4hlungen des osmanischen Reisenden umzugehen. Der amerikanische Gelehrte Robert Dankoff hat in seiner Pionierarbeit gezeigt, dass Evliyas Mischung aus Fakt und Fiktion, aus genauen Beobachtungen und phantastischen Ausschm\u00fcckungen, kein Mangel an Zuverl\u00e4ssigkeit darstellt, sondern ein bewusstes literarisches Stilmittel ist. F\u00fcr Dankoff handelt es sich bei den Werken um \u201eeine osmanische geographische Enzyklop\u00e4die als Reisebericht und Autobiografie strukturiert\u201c. Auch die ber\u00fchmte Traumsequenz deutet Dankoff, im Gegensatz zu vielen Skeptikern, nicht als blo\u00dfe Einbildung, sondern ordnete ihn verstehend in seiner poetischen Struktur ein.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Celebi, der osmanische Wanderer des 17. Jahrhunderts, war nicht nur Chronist der Geschichte und ein Erz\u00e4hler vom Alltag der Kaufleute und ihren Karawanen. Er war auch ein Gelehrter, der sich f\u00fcr Platon und Aristoteles begeisterte, und in Athen die Akropolis betrachtete, nicht nur als Ruine, sondern als lebendiges Zeichen einer Welt, die dem Osmanischen Reich vorausging. Die Griechen waren f\u00fcr ihn Nachbarn und Erben einer anderen Zivilisation, die er mit Interesse in seine Chronik aufnahm. Auf unserem R\u00fcckweg stehen wir schlie\u00dflich staunend vor der Hagia Sophia und betrachte die S\u00e4ulen, die schon Kaiser Justinian sah, und die Minarette, die Sultane hinzuf\u00fcgen lie\u00dfen. Das Bauwerk ist in seiner monumentalen Sch\u00f6nheit unvergleichlich.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Nach unserem Besuch sitzen wir auf einer Bank in der Sonne und denke an einen anderen, modernen Reiseschriftsteller: Patrick Leigh Fermor. Das Haus des Abenteurers besuchten wir letztes Jahr in Griechenland. Seine Perspektive auf die Geschichte der Osmanen war von seiner Griechenlandliebe gepr\u00e4gt. F\u00fcr Fermor blieb Istanbul stets Konstantinopel, die Stadt der Kaiser, Mosaiken und byzantinischen Liturgien. Er sah mit Melancholie auf den Untergang des Reiches von Byzanz, doch ohne Bitterkeit gegen die Osmanen. \u201eSie waren nicht zu tadeln,\u201c schreibt er, \u201edenn Eroberungen geh\u00f6ren zur Geschichte. Die Schuld lag im Niedergang der Byzantiner selbst.\u201c So konnte er zugleich die Verluste der Orthodoxie beklagen und die muslimische Kultur respektieren. Mit dieser Einstellung und dem Interesse an beiden geschichtlichen Perspektiven \u00f6ffnet sich ein spannender Dialog \u00fcber die gro\u00dfen Zivilisationen der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Hier, im Herzen Istanbuls, kreuzen sich wie von jeher die Wege und Blicke der Reisenden aus aller Welt. Die Stadt ist nicht nur ein pulsierender Ort, sondern eine Schichtung von Zeiten und ein Spiegel von Geschichten, die niemandem alleine geh\u00f6ren. Die Schriften Celebis, l\u00e4ngst auch im Westen popul\u00e4r geworden, erm\u00f6glichen ein tieferes Verst\u00e4ndnis \u00fcber eine der gro\u00dfen Epochen der Zeitgeschichte. Im Schlusswort seines geheimnisvollen Lebenswerkes fasst der Autor seine lebenslangen Bem\u00fchungen in aller Bescheidenheit zusammen: \u201eFreilich ist es (das Werk) in den Augen der Feingebildeten und Verst\u00e4ndigen kaum gelungen. Ich kann nur hoffen, dass sie den Umstand mit der gro\u00dfen Zahl meiner Reisen entschuldigen und sie keinen Blick darauf wenden, dass es mir nicht geg\u00f6nnt ist, Wendungen in prunkvoller Rede zu schreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><br>Literatur:<br>Evliya Celebi, Das Reisebuch, C.H. Beck Verlag, M\u00fcnchen 2023<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 17. Jahrhundert war ein Zeitalter der neuen Wege. H\u00e4ndler, Gesandte, Pilger und Abenteurer durchquerten Kontinente \u2013 und einige von ihnen schrieben die Welt neu. 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