{"id":789,"date":"2025-11-29T17:33:45","date_gmt":"2025-11-29T16:33:45","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=789"},"modified":"2025-11-29T17:33:48","modified_gmt":"2025-11-29T16:33:48","slug":"mit-krasznahorkai-unterwegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/mit-krasznahorkai-unterwegs\/","title":{"rendered":"Mit Krasznahorkai unterwegs"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">L\u00e1szl\u00f3 Krasznahorkai, 1954 in Ungarn geboren, wurde 2025 mit dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur ausgezeichnet \u2014 eine Anerkennung f\u00fcr sein \u201e\u00fcberzeugendes und vision\u00e4res Werk, das inmitten apokalyptischer Schrecken die Kraft der Kunst bekr\u00e4ftigt\u201c. Wir lesen w\u00e4hrend der dunklen Herbstzeit eines seiner Werke, <em>Krieg und Krieg<\/em>, und entdecken darin eine ganz andere Form des Reisens. Das Buch erz\u00e4hlt die Geschichte eines Archivars, Korin, der in einem verstaubten Archiv der ungarischen Provinz ein geheimnisvolles Manuskript findet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Manuskript, das Korin liest, tauchen vier geheimnisvolle Reisende auf. Sie streifen durch unterschiedlichste St\u00e4dte und Zeiten \u2013 von antiken Schaupl\u00e4tzen \u00fcber verw\u00fcstete Landschaften bis in moderne Metropolen. Die Welt, durch die sie ziehen, ist \u00fcberall von Konflikten, Unruhe und \u00dcbergangssituationen gepr\u00e4gt. Die vier beobachten, notieren, bezeugen. Sie sind wie Wanderer nach einer Apokalypse: nie ganz angekommen, immer weitergezogen, als w\u00fcrden sie nach einem Ort suchen, an dem die Welt endlich zur Ruhe kommt. Unterwegs begegnen sie Kriegen, politischen Umbr\u00fcchen, Menschengruppen auf der Flucht und immer wieder Momenten beinahe \u00fcberirdischer Stille. Doch eine klare Mission haben sie nicht \u2013 ihre Reise ist eher eine Suche nach Sinn inmitten des Chaos. Sie versuchen, die Welt zu verstehen, ohne dass sie je durchschaubar wird. Und gerade dieses fortw\u00e4hrende Unterwegssein macht das Manuskript zu einer Art existenzieller Reiseliteratur: ein Trip durch die Bruchzonen der Geschichte, bei dem das eigentliche Ziel die Suche selbst bleibt. Diese vier Reisenden sind offensichtlich keine Helden, keine Abenteurer, sondern eher Schatten, die ihre allegorische Bewegung fortsetzen m\u00fcssen, weil der \u201eewige Krieg\u201c, der \u00fcberall herrscht, sie niemals losl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Korin ist dieser Fund eine Offenbarung \u2013 ein Text einer geheimnisvollen Ordnung, die seiner eigenen, von Chaos bedr\u00e4ngten Welt v\u00f6llig entgegensteht. In dem Moment, in dem er das Manuskript entdeckt, beginnt seine eigene Odyssee, eine Reise, die ihn forttr\u00e4gt, obwohl er keinen Ort mehr kennt, an den er zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte. Korin empfindet den Zustand der Welt als einen permanenten, nie endenden Krieg, der nicht allein in politischen Katastrophen liegt, sondern in den Strukturen des Daseins selbst. Nichts harmoniert, nichts ist gesichert, und selbst das eigene Denken wird von dieser Weltlage gezeichnet. Dass seine Reise in die Ferne f\u00fchrt, hat deshalb weniger mit Neugier zu tun als mit einer unumg\u00e4nglichen Notwendigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er Ungarn verl\u00e4sst, verl\u00e4sst er nicht einfach einen Ort, sondern einen Zustand, den er nicht l\u00e4nger aush\u00e4lt. Der Schritt hinaus ist gleicherma\u00dfen Flucht und Geste der Hingabe an etwas Gr\u00f6\u00dferes: an die Idee, dass das Manuskript gerettet werden muss, dass es im Chaos der Welt eine Spur von Ordnung geben k\u00f6nnte, die nicht verloren gehen darf. In New York, wohin er sich als N\u00e4chstes wendet, scheint zun\u00e4chst alles m\u00f6glich. Die Stadt ist laut, schnell, \u00fcberl\u00e4dt jeden Sinn, und inmitten dieses \u00dcberma\u00dfes hofft Korin, dem Manuskript eine Art digitale Ewigkeit schenken zu k\u00f6nnen. Er m\u00f6chte es ins Internet stellen, einschreiben in jenes unersch\u00f6pfliche Archiv, das f\u00fcr ihn anfangs, wie ein moderner Himmel wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Krasznahorkai zeigt, wie br\u00fcchig diese Hoffnung ist. Die Ewigkeit des Netzes ist keine wahre; sie ist por\u00f6s, zuf\u00e4llig, anf\u00e4llig f\u00fcr das gleiche Chaos, das Korin aus Ungarn fortgetrieben hat. Nichts, was dort steht, ist gesichert. Alles kann gel\u00f6scht, \u00fcberschrieben, vergessen werden. New York wird deshalb nicht zu einem Ort des Ankommens, sondern zu einer Durchgangslandschaft, die der Autor mit surrealen Frequenzen aufl\u00e4dt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach seinem Aufenthalt in New York reist er nach Schaffhausen. Diese ruhige, beschauliche Stadt am Rhein wirkt auf Korin wie ein Ort, den die Welt vergessen hat. Und doch reist er genau dorthin, um ein Kunstwerk zu sehen, das ihm wie ein Leuchtfeuer erscheint: ein Iglu des Turiner K\u00fcnstlers Mario Merz. Die Iglus von Merz sind seit Jahrzehnten Symbole nomadischer Existenz, tempor\u00e4re Behausungen, die in ihrer archaischen Form eine Klarheit ausstrahlen, die den Menschen zugleich sch\u00fctzt und entbl\u00f6\u00dft. Die Kombination aus Glas, Stein, Metall und den intuitiven Spiralen der Fibonacci-Zahlen verwandelt das Iglu in ein mathematisch-archaisches Gedicht. F\u00fcr Korin, dessen ganze Reise von der Suche nach Ordnung inmitten eines metaphysischen Sturms gepr\u00e4gt ist, erscheint dieses Iglu wie der m\u00f6gliche Endpunkt eines langen Weges. Vielleicht ist es der einzige Ort, an dem die Struktur der Welt \u2013 oder zumindest die Struktur eines Gedankens \u00fcber die Welt \u2013 kurz sichtbar wird. Aber auch hier bleibt die Frage offen, ob dieser Ort tats\u00e4chlich Halt gibt oder lediglich die letzte Illusion eines m\u00fcden Reisenden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Korin reist nicht, um Neues zu entdecken, sondern um etwas zu bewahren. Er reist nicht, um anzukommen, sondern weil Stillstand nicht mehr m\u00f6glich ist. Seine Reise hat kein Ziel, das sich in einer Karte einzeichnen lie\u00dfe, und kein Zuhause, das auf ihn wartet. Es ist eine Odyssee ohne Ithaka, ein unaufh\u00f6rliches Weiterziehen, das ihn der Welt nicht n\u00e4herbringt, sondern ihrer Wahrheit: dass es keine garantierten Orte gibt, keine wirklichen Sicherheiten, keine dauerhaft bewohnbaren H\u00e4fen. Und genau darin liegt die merkw\u00fcrdige, moderne Stimmung dieses Buches.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum trifft Korin am Ende des Buches auf die Kunst von Mario Merz? Beide sprechen von einem Nomadentum, das nicht romantisch verkl\u00e4rt ist, sondern existenziell. Das Iglu in Schaffhausen wirkt wie ein stilles Monument f\u00fcr Menschen, die unterwegs sind, weil sie es sein m\u00fcssen. Es erinnert daran, dass selbst jene, die nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, doch eine Form der Behausung suchen \u2013 einen Ort, der sie f\u00fcr einen Moment aus dem Wind nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wird <em>Krieg und Krieg<\/em> zu einer Art Gegenentwurf zur klassischen Reiseliteratur. Korins Weg ist kein Weg der Entdeckung, sondern des Erkennens. Er f\u00fchrt durch reale St\u00e4dte und gleichzeitig durch metaphysische Landschaften. Er zeigt, dass es Reisen gibt, die nicht die Welt vergr\u00f6\u00dfern, sondern den Blick auf ihre Br\u00fcchigkeit sch\u00e4rfen. Und w\u00e4hrend Korin sich weiterbewegt, von Ungarn \u00fcber New York bis nach Schaffhausen, wird klar: Manchmal ist das Reisen nicht das Hinausziehen in die Ferne, sondern das langsame Begreifen, dass es keinen endg\u00fcltigen Ort gibt, an dem man bleiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Wege enden nicht. Wir suchen nach einer Heimat. Und doch gehen wir weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur: Laszlo Krasznahorkai, Krieg und Krieg, Fischer Verlag 2025<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e1szl\u00f3 Krasznahorkai, 1954 in Ungarn geboren, wurde 2025 mit dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur ausgezeichnet \u2014 eine Anerkennung f\u00fcr sein \u201e\u00fcberzeugendes und vision\u00e4res Werk, das inmitten apokalyptischer Schrecken die Kraft der Kunst bekr\u00e4ftigt\u201c. 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