{"id":797,"date":"2026-02-15T11:55:59","date_gmt":"2026-02-15T10:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=797"},"modified":"2026-02-15T11:56:03","modified_gmt":"2026-02-15T10:56:03","slug":"beschleunigungsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/beschleunigungsgesellschaft\/","title":{"rendered":"Beschleunigungsgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Im 18. Jahrhundert beklagte Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Reise nach Italien, die Postkutsche sei zu schnell, um Landschaft und Natur wirklich erfassen zu k\u00f6nnen, Heute am\u00fcsiert uns die Beobachtung des Dichters, die wie eine Vorahnung der Beschleunigungsgesellschaft wirkt. Hartmut Rosa, einer der einflussreichsten Gesellschaftstheoretiker der Gegenwart, hat diese Erfahrung des \u201ezu schnell\u201c systematisch durchbuchstabiert. Seine B\u00fccher sind Bestseller und behandeln Ph\u00e4nomene wie \u201eBeschleunigung\u201c, \u201eResonanz\u201c, \u201eUnverf\u00fcgbarkeit\u201c und j\u00fcngst \u201eSituation und Konstellation\u201c. Seine Diagnose trifft das moderne Reisen ins Herz: Wir bewegen uns immer schneller durch eine Welt, die uns immer weniger antwortet. Wir nutzen die Winterzeit um uns mit den Thesen des Soziologen zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosa, 1965 geboren und Professor in Jena, analysiert mit seiner Theorie der sozialen Beschleunigung, der Resonanz und der schwindenden Handlungsspielr\u00e4ume nicht nur Arbeit, Politik oder Alltag, sondern hinterfragt indirekt auch unsere Reisegewohnheiten. Was auf den ersten Blick akademisch klingt, erkl\u00e4rt auf den zweiten, warum der Traumurlaub oft hohl wirkt, warum wir von zehn St\u00e4dten in vierzehn Tagen ersch\u00f6pfter zur\u00fcckkommen, als wir aufgebrochen sind. Im Tourismus verdichten sich die Grundprobleme der Sp\u00e4tmoderne: rastlose Steigerung, Entfremdung von der Welt, der Zwang zur Verf\u00fcgbarmachung von Zeit, Orten und Menschen. Wer verstehen will, warum wir bei wachsender Reisegeschwindigkeit \u201ealles haben k\u00f6nnen\u201c und doch so wenig wirklich erleben, muss die Logik dieser Beschleunigung und ihre Auswirkungen auf unser Verh\u00e4ltnis zur Welt in den Blick nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die gestufte Beschleunigung: Von der Kutsche zum Jet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Historisch l\u00e4sst sich der Wandel der Reiseerfahrung als Stufenfolge wachsender Geschwindigkeit lesen: Kutsche, Eisenbahn, Auto, Flugzeug. Goethe markiert dabei eine fr\u00fche Schwelle \u2013 die Kutsche ist ihm bereits \u201ezu schnell\u201c, um Natur und Landschaft in ihrer Eigenzeit zu erfahren. Mit der Eisenbahn vollzieht sich dann ein qualitativer Sprung: Der Reisende gleitet in einem abgeschlossenen Wagen durch die Welt, die hinter Glas an ihm vorbeizieht, zu einer Serie von Bildern verdichtet und durch Fahrpl\u00e4ne streng getaktet. Das Automobil individualisiert diese Beschleunigung. Subjektiv vermittelt es Souver\u00e4nit\u00e4t: Route, Tempo, Pausen scheinen in der eigenen Hand zu liegen. Zugleich verengt sich die Wahrnehmung auf das Fahrgeschehen: Die Landschaft wird zur Kulisse. Mit dem Flugzeug erreicht die Beschleunigungslogik ihr Extrem. Der Raum zwischen Herkunft und Ziel wird nahezu ausgel\u00f6scht; Distanzen, die fr\u00fcher Wochen bedeuteten, schrumpfen auf Stunden. Flugh\u00e4fen fungieren als Nicht-Orte \u2013 standardisierte Knotenpunkte in einem globalen Netz, in denen Orts- und Zeitdifferenzen gegl\u00e4ttet werden. Das Prinzip wachsender Geschwindigkeit verspricht Befreiung und Erlebnisf\u00fclle, erzeugt aber zugleich einen Verlust an Tiefe und Verbindlichkeit in der Erfahrung des Raumes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verf\u00fcgbarkeit und Entfremdung: Der Urlaub als Steigerungsprojekt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch nie war die Welt so verf\u00fcgbar wie heute: Online-Buchungsportale, Navigations-Apps und Bewertungsplattformen machen jeden Ort zu einem erreichbaren, kalkulierbaren Objekt. Was technisch als Erfolg erscheint, beschreibt der Soziologe Rosa als vierfache Verf\u00fcgbarmachung der Welt: Sie wird sichtbar (Reisef\u00fchrer, Instagram, Reviews), erreichbar (globale Mobilit\u00e4tsnetze), beherrschbar (touristische Erschlie\u00dfung) und dienstbar (der Urlaub als Regenerationsmodul f\u00fcr die Arbeitskraft). Gerade diese totale Verf\u00fcgbarkeit gef\u00e4hrdet jedoch das, was wir im Reisen eigentlich suchen: Ber\u00fchrung, \u00dcberraschung und Transformation. Eine Reise, die minuti\u00f6s durchgeplant ist, l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr Umwege, Irritationen und Zuf\u00e4lle. Das, was verf\u00fcgbar ist, so Rosa, tendiert dazu, seine Resonanzf\u00e4higkeit zu verlieren: Es l\u00e4sst uns kalt, weil es in ein Schema von Erwartungen gezwungen ist<\/p>\n\n\n\n<p>Rosas Beschleunigungstheorie macht das dahinterliegende Paradox sichtbar. Technische Beschleunigung (schnellere Verkehrsmittel), Beschleunigung des sozialen Wandels und des Lebenstempos verst\u00e4rken sich gegenseitig zu einem \u201eBeschleunigungszirkel\u201c. Im Reisen hei\u00dft das: Je schneller wir unterwegs sein k\u00f6nnen, desto mehr wollen wir sehen. Subjektiv entsteht der Eindruck chronischer Zeitknappheit, obwohl \u2013 hier liegt das Paradox &#8211; objektiv Zeit eingespart wurde. Philosophisch ber\u00fchrt diese Erfahrung das Problem unserer Endlichkeit an. Wenn Lebenszeit begrenzt ist, so die implizite Logik, erscheint es rational, m\u00f6glichst viele Erfahrungen in sie hineinzupressen. Wer doppelt so schnell lebt, kann \u2013 scheinbar \u2013 die Summe der Erfahrungen verdoppeln und dadurch ein \u201ereicheres\u201c Leben f\u00fchren. Rosa erkl\u00e4rt den existentiellen Hintergrund: \u201eDie eudaimonistische Verhei\u00dfung der Beschleunigung liegt daher in der (unausgesprochenen) Vorstellung, dass die Beschleunigung des Lebenstempos unsere (also die moderne) Antwort auf das Problem der Endlichkeit und des Todes ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn die Welt verstummt: Resonanz und die Logik des industrialisierten Tourismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rosas Gegenbegriff zur Entfremdung ist Resonanz. Resonanz bezeichnet eine lebendige Beziehung zur Welt, in der wir uns von etwas anrufen lassen, antworten, und in der eine wechselseitige Transformation stattfindet. Wenn wir sagen, ein Ort habe uns \u201eetwas gegeben\u201c, eine Reise habe uns \u201ever\u00e4ndert\u201c, dann beschreiben wir intuitiv Resonanzereignisse. Entscheidend ist dabei, dass Resonanz ein Moment der Unverf\u00fcgbarkeit braucht: Sie l\u00e4sst sich nicht erzwingen, nicht planen und nicht kaufen. Goethes Idee der Metamorphose klingt hier nach: Der Sinn des Reisens liegt nicht darin unsere Reiseziele zu ver\u00e4ndern, sondern uns selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau hier liegt das Problem des Massen-Tourismus an. Er versucht permanent, Resonanz verf\u00fcgbar zu machen: \u201eauthentische\u201c Folkloreabende, arrangierte Begegnungen mit Einheimischen und inszenierte Geheimtipps oder Kunstschnee, wenn die Natur nicht liefert. Rosa illustriert das Geschehen am Beispiel der Schneekanonen: Wir k\u00f6nnen Schnee technisch erzeugen, aber der Kunstschnee verliert die F\u00e4higkeit, uns in derselben Weise zu ber\u00fchren wie ein unerwarteter Wintereinbruch. Das gilt analog f\u00fcr touristische Produkte: Die exakt erwartungskonforme \u201eErfahrung\u201c \u2013 die Sehensw\u00fcrdigkeit, die aussieht wie auf dem Prospekt, das standardisierte Hotelzimmer, die perfekte Voraussehbarkeit \u2013 beruhigt die Kontrollbed\u00fcrfnisse, aber verstellt oft die M\u00f6glichkeit echter Resonanz. Ph\u00e4nomenologisch erzeugt das eine Welt, die stumm geworden ist. Die St\u00e4dte gleichen sich an, Innenst\u00e4dte werden zu austauschbaren Konsumkulissen, touristische Hotspots werden so inszeniert, dass sie der vorweggenommenen Bilderlogik entsprechen. Der Reisende bewegt sich durch R\u00e4ume, in denen alles auf ihn zugeschnitten scheint, aber nichts mehr wirklich antwortet. Burnout definiert Rosa, als Zustand des umfassenden Verstummens der Resonanzachsen \u2013 psychisch wie physisch. In dieser Perspektive erscheint der entt\u00e4uschte Urlaub nicht als individuelles Versagen, sondern als strukturelles Problem einer Welt, die systematisch auf Verf\u00fcgbarkeit statt Beziehung hin organisiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Situation und Konstellation: Verschwundene Spielr\u00e4ume im Reisen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seinem neuesten Buch \u201eSituation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums\u201c analysiert Hartmut Rosa, wie unsere Lebenswelt zunehmend von starren Konstellationen statt offenen Situationen dominiert wird. Eine Situation ist offen, mehrdeutig, verlangt Urteilskraft und echtes Handeln: etwa ein Gespr\u00e4ch in einer fremden Sprache, eine unerwartete Einladung oder eine spontan ge\u00e4nderte Route. Eine Konstellation hingegen ist durch vorgegebene Optionen strukturiert. Hier herrscht die Logik der bin\u00e4ren Wahl, der standardisierten Prozesse und der algorithmischen F\u00fchrung. Im Reisen zeigt sich dieser Wandel exemplarisch. Buchungsplattformen suggerieren unendliche Wahlfreiheit, bewegen uns aber innerhalb eines engen Rasters von Filtern (Preis, Sterne, Lage, Bewertung), in dem wir vor allem optimieren statt wirklich entscheiden. Navigations-Apps schreiben uns den Weg vor, sodass wir Stra\u00dfen nicht mehr erkunden, sondern Routenvorschl\u00e4gen folgen. Bewertungsportale definieren, was \u201esehenswert\u201c ist; der Urlaub wird zur Abarbeitung einer vorstrukturierten Liste. Wir werden zu Vollziehenden in einem fremden Skript, statt als Handelnde Situationen zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosa warnt: Wenn Ermessensspielr\u00e4ume schrumpfen, verk\u00fcmmert unsere Handlungsenergie \u2013 wir verlieren die F\u00e4higkeit, mit Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und offenen Situationen umzugehen. Gerade der Urlaub, der Ort der Freiheit sein sollte, ger\u00e4t so in die Logik der Konstellation: Wir klicken, buchen, folgen, \u00fcberpr\u00fcfen \u2013 und wundern uns, dass sich die versprochene Freiheit nicht einstellt. Philosophisch stellt sich hier die Frage, ob ein Leben, das \u00fcberwiegend in Vollzugslogiken organisiert ist, \u00fcberhaupt noch als \u201eHandeln\u201c im emphatischen Sinn gelten kann \u2013 oder ob wir uns in ein Dasein als Funktionstr\u00e4gerInnen unserer eigenen Reise-Algorithmen f\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die dunkle Triade: Natur, Andere, Selbst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rosa beschreibt in seiner Theorie die Moderne als \u201emehrfaches Aggressionsverh\u00e4ltnis\u201c zur Welt: gegen Natur, andere Menschen und uns selbst. Im Tourismus tritt diese triadische Aggression besonders deutlich zutage. Gegen die Natur richtet sie sich in Form von \u00f6kologischen Sch\u00e4den: Kreuzfahrtschiffe, die Meeres\u00f6kosysteme belasten, Flugverkehr, der die Klimakrise versch\u00e4rft, Overtourism, die fragilen Landschaften \u00fcberstrapaziert. Wir reisen, um Sch\u00f6nheit zu erfahren, und tragen gleichzeitig zu ihrer Zerst\u00f6rung bei. Gegen andere Menschen \u00e4u\u00dfert sich diese Aggression in der Umformung von Lebensr\u00e4umen zu reinen Kulissen. St\u00e4dte wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik erleben, wie Wohnraum zu Ferienwohnungen wird, lokale Infrastruktur touristischen Bed\u00fcrfnissen untergeordnet und Bewohner in die Rolle von Statisten im eigenen Alltag gedr\u00e4ngt werden. Overtourism zerst\u00f6rt nicht nur \u00f6kologische, sondern auch soziale Resonanzr\u00e4ume \u2013 Orte, an denen sich das Leben der Einheimischen verwurzelt und wiedererkennt. Schlie\u00dflich richtet sich die Aggression gegen uns selbst. Die Reise wird zur B\u00fchne der Selbstoptimierung: Wir m\u00fcssen permanent zeigen, dass wir \u201eetwas aus unserer Zeit machen\u201c, dass wir ein intensives, reiches Leben f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Slow Travel zwischen Kritik und Komplizenschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund erscheint Slow Travel als naheliegende Gegenbewegung. Zeit, so lie\u00dfe sich im Anschluss an Rosa sagen, ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr Resonanz: Begegnungen, Vertrautheit und Transformation brauchen Dauer und Wiederholung. Allerdings warnt Rosa explizit davor, Entschleunigung als einfache L\u00f6sung zu missverstehen. \u201eLangsamer machen reicht nicht\u201c, h\u00e4lt er der Achtsamkeits- und Slow-Bewegung entgegen, wenn die strukturellen Beschleunigungslogiken unangetastet bleiben. Resonanz h\u00e4ngt nicht an der blo\u00dfen Geschwindigkeit, sondern an der Art der Weltbeziehung. Ein langsamer, aber vollst\u00e4ndig instrumenteller Aufenthalt \u2013 etwa im abgeschotteten Luxusresort \u2013 kann ebenso entfremdet sein wie ein schneller St\u00e4dtetrip. Umgekehrt kann auch eine kurze, intensiv gelebte Begegnung im Zug oder auf der Stra\u00dfe ein resonantes Ereignis sein. Soziologisch droht Slow Travel zudem selbst von der Beschleunigungslogik vereinnahmt zu werden. Es wird zum Marktsegment, zum Lifestyle-Produkt. Wer \u201eslow\u201c reist, signalisiert Bewusstsein, Nachhaltigkeit, Tiefe \u2013 und kapitalisiert diese Haltung in sozialen Medien. Die Kritik spricht hier von Scheinresonanz: Produkte, die Resonanz versprechen, aber letztlich nur eine raffiniertere Form der Verf\u00fcgbarmachung darstellen. Die Gefahr besteht, dass Slow Travel nicht das Paradigma wechselt, sondern lediglich dessen Vorzeichen: An die Stelle der Quantit\u00e4t vieler Orte tritt die Quantit\u00e4t \u201eintensiver\u201c Erfahrungen, die wiederum gesammelt, optimiert und ausgestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Resonanz statt Tempo: Reisen als Weltbeziehung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine resonanzorientierte Reisepraxis verschiebt die Priorit\u00e4ten. Zeit statt Raum: lieber zwei Wochen in einer Region als einmal rund um den Kontinent. Analog statt digital: Momente nicht prim\u00e4r als Inhalte f\u00fcr die Au\u00dfenperspektive dokumentieren, sondern als Ereignisse, in denen man selbst im Spiel ist. Zugleich setzt eine solche Praxis eine Haltungs\u00e4nderung voraus, die Rosa mit den Begriffen \u201eUnverf\u00fcgbarkeit\u201c und \u201eErmessensspielr\u00e4ume\u201c umkreist. Unverf\u00fcgbarkeit meint die Bereitschaft, nicht alles zu kontrollieren, nicht alles im Voraus zu wissen, Raum zu lassen f\u00fcr das, was sich entzieht und \u00fcberrascht. Ermessensspielr\u00e4ume bedeuten, Entscheidungen nicht Algorithmen zu \u00fcberlassen, sondern Situationen zuzulassen, die Urteilskraft und Kreativit\u00e4t erfordern: Umwege, spontane Gespr\u00e4che und Richtungswechsel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die unbequeme Frage: Wie viel Reisen ist genug?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So verlockend die Idee einer resonanzorientierten Reiseethik ist, sie f\u00fchrt zu einer unbequemen Frage: Wie viel Reisen ist \u00fcberhaupt noch vertretbar? Rosa beschreibt die Sp\u00e4tmoderne als von mehrfachen Krisen durchzogen: \u00f6konomisch, \u00f6kologisch, politisch und psychologisch. Der Massentourismus versch\u00e4rft alle vier: Er verst\u00e4rkt Klima- und Umweltprobleme, reproduziert globale Ungleichheiten, verschiebt st\u00e4dtische Strukturen zugunsten der Besuchenden und tr\u00e4gt zur individuellen Ersch\u00f6pfung bei. Eine konsequente Anwendung von Rosas Denken auf das Reisen legt daher nahe, dass \u201eanders reisen\u201c auch \u201eweniger reisen\u201c bedeuten k\u00f6nnte \u2013 zumindest in der Form fernmobilen, ressourcenintensiven Tourismus. Weltreichweite ist dann nicht mehr das zentrale Kriterium; entscheidend ist die Qualit\u00e4t der Weltbeziehung. Resonante Erfahrungen lassen sich nicht auf Fernreisen beschr\u00e4nken \u2013 sie k\u00f6nnen ebenso im Wald vor der Haust\u00fcr, im Park der eigenen Stadt, in der Wiederentdeckung vertrauter Orte entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine andere Art zu reisen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rosas Soziologie bietet keine fertigen Rezepte f\u00fcr die \u201erichtige\u201c Reisetechnik, aber sie sch\u00e4rft den Blick f\u00fcr die Strukturen, in die unser Reisen eingebettet ist. Wer seine Begriffe ernst nimmt, wird anders auf Flugangebote, Buchungsplattformen, Bucket Lists und Reiseblogs blicken. \u00dcber kurz oder lang werden sich die Angebote der Reiseindustrie in ihrer technologischen Perfektion ann\u00e4hern und sich durch ihre inhaltlichen Angebote, die den Sinn des Reisens ber\u00fccksichtigen, unterscheiden. Der eigentliche Differenzfaktor liegt in der <strong>Hermeneutik<\/strong> der Reise \u2013 in der Art, wie Resonanz, Geschichte und Spiritualit\u00e4t in die algorithmisch erzeugten Reiseerz\u00e4hlungen eingeworben werden und KI bewusst als Mit-Autor, nicht als Ersatz des menschlichen Reisenden versteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Art zu reisen w\u00e4re eine Praxis, die nicht auf Weltaneignung, sondern auf Weltbeziehung zielt. Sie w\u00e4re weniger darauf aus, die eigene Identit\u00e4t durch m\u00f6glichst viele Destinationen zu polieren, und mehr darauf, Orte, Menschen und Natur als Gegen\u00fcber ernst zu nehmen. Resonanztourismus im engeren Sinn \u2013 kleine Anbieter, die auf Qualit\u00e4t und Begegnung setzen, Regionen, die Masse begrenzen und Tiefe f\u00f6rdern \u2013 sind erste Laboratorien solcher Alternativen. Entscheidend ist jedoch nicht das Label, sondern die Haltung: Bin ich bereit, mich st\u00f6ren, \u00fcberraschen, ver\u00e4ndern zu lassen? &nbsp;Am Ende steht eine einfache, aber radikale Frage: Wollen wir die Welt haben \u2013 oder mit ihr in Beziehung treten? Im ersten Fall werden wir weiter schneller, weiter, billiger reisen \u2013 und uns wundern, warum die Welt immer stummer wird. Im zweiten Fall werden wir Tempo, Distanz und H\u00e4ufigkeit unserer Reisen anders bestimmen \u2013 und den n\u00e4chsten Urlaub als \u00dcbung in lebendiger Weltbeziehung gestalten. Der Unterschied zeigt sich nicht in der Zahl unserer Reiseziele, sondern darin, ob die Welt uns noch antwortet, wenn wir unterwegs sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im 18. Jahrhundert beklagte Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Reise nach Italien, die Postkutsche sei zu schnell, um Landschaft und Natur wirklich erfassen zu k\u00f6nnen, Heute am\u00fcsiert uns die Beobachtung des Dichters, die wie eine Vorahnung der Beschleunigungsgesellschaft wirkt. &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/beschleunigungsgesellschaft\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":798,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-797","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisetechnik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=797"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":799,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions\/799"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}