{"id":837,"date":"2026-08-22T17:29:25","date_gmt":"2026-08-22T15:29:25","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=837"},"modified":"2026-08-22T17:32:28","modified_gmt":"2026-08-22T15:32:28","slug":"belgrad-ein-perspektivwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/belgrad-ein-perspektivwechsel\/","title":{"rendered":"Belgrad &#8211; ein Perspektivwechsel"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Ehrlich gesagt, wir haben l\u00e4nger \u00fcberlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen.\u00a0 \u00dcberzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Sie erz\u00e4hlt nach der Begr\u00fc\u00dfung von der Stadt, nennt uns ihre Lieblingspl\u00e4tze und erz\u00e4hlt einige Geschichten aus ihrem Leben. Ihr Mann sagt sie traurig, leide an gebrochenem Herzen. Wir k\u00f6nnen uns vorstellen, dass dieser Befund f\u00fcr viele Menschen \u2013 aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden &#8211; in der Region gilt. Die Bilder, die man von Belgrad im Kopf hat, stammen meist aus zweiter Hand: aus Nachrichtenarchiven der neunziger Jahre, aus Reiseberichten, die vor allem von Beton, Verkehrsl\u00e4rm und Nachtleben erz\u00e4hlen, aus dem diffusen Gef\u00fchl, hier ende Mitteleuropa und beginne etwas Un\u00fcbersichtliches. Belgrad war f\u00fcr uns zun\u00e4chst eine Zwischenstation, kein Ziel. Wir \u00e4ndern spontan unseren Reiseplan, um diese Stadt zu erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ann\u00e4herung beginnt schon auf der Busfahrt hinein. Freundlicherweise sind \u00f6ffentliche Verkehrsmittel hier umsonst. Durch das Fenster sehen wir keine homogene Metropole: wir fahren durch Vorst\u00e4dte mit kleinen L\u00e4den, betrachten mitteleurop\u00e4ische Fassaden des 19. Jahrhunderts, staunen \u00fcber sozialistische Monumentalit\u00e4t, dazwischen betrachten wir neue Glasfronten und Rohbauten, die teilweise wohl seit Jahren auf ihre Vollendung warten. Belgrad wirkt nicht wie eine Stadt aus einem Guss, sondern wie ein offenes Archiv, in dem jede Epoche ihre eigene Spur hinterlassen hat. Gerade diese Ungleichzeitigkeit macht den ersten Eindruck so stark. Man f\u00e4hrt nicht einfach in eine Hauptstadt hinein, sondern in eine Landschaft aus Geschichte, Bruch und \u00dcberlagerung. Von Wien oder Budapest unterscheidet sich Belgrad genau darin: Wo dort ein geschlossenes historisches Stadtbild dominiert, zeigt Belgrad seine Br\u00fcche offen \u2014 und darin liegt sein architektonischer Reiz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine dieser Schichten kennen wir schon, bevor wir sie sehen. Wer sich zuvor mit dem Mythos Jugoslawien und mit Tito besch\u00e4ftigt hat, erkennt in Belgrad das Material, aus dem dieser Mythos gebaut wurde. Der Bus streift die weiten Blocks von Neu-Belgrad, jene rasterhafte Stadt auf dem ehemaligen Sumpfland zwischen Save und Donau, die nach dem Krieg als sozialistische Zukunft entworfen wurde: Wohnen, Arbeiten, Verwalten in gro\u00dfen, klaren Strukturen. Heute wirken diese Blocks weder heroisch noch verfallen, sondern schlicht bewohnt \u2014 W\u00e4sche auf den Balkonen, Kioske, Kinder, die auf den Rasenfl\u00e4chen spielen. Die Utopie ist Alltag geworden, und das ist vielleicht ihr ehrlichstes Nachleben. Irgendwo im S\u00fcden der Stadt, in Dedinje, liegt das Haus der Blumen mit Titos Grab, ein Ort, der einmal Pilgerst\u00e4tte war und heute Museum ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Innenstadt angekommen setzen sich diese Erfahrungen fort. Der Weg ins K\u00fcnstlerviertel Skadarlija f\u00fchrt in einen Stadtraum, der bis heute das Bild des bohemienhaften Belgrad bewahrt: Kopfsteinpflaster, Weinranken, Lokale, in denen abends live gespielt wird. Mitten darin eine alte Brauerei, die heute als Kulturzentrum dient.&nbsp; Historisch war die Gasse ein Treffpunkt von Schriftstellern, Malern, Schauspielern und Musikern, und sie gilt noch immer als Symbol des literarischen und k\u00fcnstlerischen Lebens der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zentrum flanieren wir die Knez Mihailova hinunter, die gro\u00dfe Fu\u00dfg\u00e4ngerachse der Stadt. Zwischen den \u00fcblichen Ketten fallen uns gleich mehrere gute Buchl\u00e4den auf, hell, gut sortiert und gut besucht. Buchhandlungen sind nie nur Verkaufsorte. Sie sind Indikatoren eines Geisteslebens, sichtbare Zeichen daf\u00fcr, dass eine Stadt sich nicht im Konsum ersch\u00f6pft, sondern R\u00e4ume f\u00fcr Denken, Lesen und Widerspruch offenh\u00e4lt. In Belgrad wird genau das sp\u00fcrbar: eine Stadt, die nicht nur von Geschichte gezeichnet ist, sondern sie fortw\u00e4hrend interpretiert. Die Regale \u00f6ffnen andere Zug\u00e4nge zur Wirklichkeit als der blo\u00dfe Blick auf Fassaden und Monumente. Sie zeigen, dass zu jeder sichtbaren Stadt eine unsichtbare Welt aus Texten, Deutungen und Erinnerungen geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem dieser L\u00e4den finden wir das Buch von Sr\u0111an Risti\u0107: <em>Yugoslavia: Utopia or Inspiration?<\/em> Der Fund wirkt fast programmatisch. Risti\u0107 beschreibt Jugoslawien nicht eindimensional, sondern als vielschichtiges historisches Gebilde, das sich nur verstehen l\u00e4sst, wenn geopolitische, religi\u00f6se, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengedacht werden. Ristic erz\u00e4hlt von der Rolle der Serben in den Balkankriegen, von der Opposition im Land, dem Widerstand gegen Milosevic und die Verarmung ganzer Bev\u00f6lkerungsschichten. Er versucht sich an einer Bilanz der Verantwortung, die den eigenen Anteil nicht herunterspielt, aber letztlich keine der Ethnien des Vielv\u00f6lkerstaates vollst\u00e4ndig entlastet. Eindrucksvoll ist an seiner Ber\u00fccksichtigung verschiedener Blickwinkel vor allem die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen mitzudenken: keine apologetische Selbstentlastung, aber auch keine blo\u00df moralische Selbstanklage, sondern der Versuch einer Einordnung, die Schuld nicht leugnet und Geschichte zugleich in gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge stellt. F\u00fcr eine Reiseerfahrung in Belgrad ist das exemplarisch. Auch die Stadt erschlie\u00dft sich nur, wenn man lernt, mehrere Perspektiven gleichzeitig auszuhalten. Autoren wie Ristic sind nicht ganz sicher, ob der Frieden dauerhaft sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die serbische Literatur ist f\u00fcr die europ\u00e4ische Moderne wichtig, weil sie europ\u00e4ische Formen nicht blo\u00df \u00fcbernimmt, sondern sie mit einer eigenen Erfahrung von Vielv\u00f6lkerraum, Geschichte und Zerfall konfrontiert. Darin liegt ihre Kraft: Sie erweitert die Moderne um den s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Blick auf Einheit, Identit\u00e4t und Verletzbarkeit. Ihr zentraler Beitrag ist die literarische Verarbeitung von Geschichte. In ihr trifft, so hat man es einmal zugespitzt, die beste Literatur des 20. Jahrhunderts auf dessen verheerendste Geschichte. Das ist deshalb bedeutsam, weil europ\u00e4ische Moderne nicht nur Fortschritt, Urbanit\u00e4t und Formexperiment bedeutet, sondern auch Katastrophe, Krieg und die Krise des Humanen. Die serbische Literatur bringt diese dunkle Seite der Moderne mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck. \u00dcberhaupt liegt darin f\u00fcr uns die tiefere Rolle der Literatur. Schriftsteller liefern nicht einfach Fakten, sie verschieben Wahrnehmung. Sie ersetzen die eigene Wahrheit nicht, sondern relativieren, brechen und erweitern sie. Gerade in einer Stadt wie Belgrad, die architektonisch, historisch und politisch aus widerspr\u00fcchlichen Schichten besteht, wird Literatur zu einem Organ der Bewusstseinserweiterung. Sie zeigt, dass jede nationale und jede pers\u00f6nliche Perspektive nur partiell ist und erst im Gegen\u00fcber Kontur gewinnt. Reisen bedeutet dann nicht mehr blo\u00df Ortswechsel, sondern die Bereitschaft, andere Deutungen der Welt an sich heranzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass wir uns in Belgrad, im Hier und Jetzt, wohlf\u00fchlen, hat allerdings weniger mit Geschichte zu tun als mit der Atmopsh\u00e4re der Stadt. Die Caf\u00e9s sind mittags voll, und niemand wirkt, als m\u00fcsse er gleich weiter. Man sitzt drau\u00dfen, raucht, redet, bestellt nach zwei Stunden noch einen Kaffee; die Bedienungen sind direkt, nicht unfreundlich, und die Preise erinnern daran, dass wir nicht mehr in Mitteleuropa sind. Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und meist noch eine Empfehlung dazu. Am Abend riecht es in den Seitenstra\u00dfen nach Grill, aus offenen Fenstern kommt Musik, und die Stadt f\u00fcllt sich mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, f\u00fcr die man anderswo Anl\u00e4sse braucht. Es ist diese Beil\u00e4ufigkeit, die unsere Skepsis am schnellsten aufgel\u00f6st hat: Belgrad muss niemandem gefallen wollen, und gerade deshalb ist es angenehm, hier zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am sp\u00e4ten Nachmittag sitzen wir auf einer Bank im Kalemegdan, dort, wo der Park in die Mauern der Festung \u00fcbergeht. Hier \u00f6ffnet sich der Blick auf die zwei Fl\u00fcsse, die unterhalb der Bastion ineinanderflie\u00dfen: Save und Donau. Ein stilles Panorama, und doch wirkt es wie konzentrierte Geopolitik. Die Save kommt aus dem Westen, aus dem alten jugoslawischen Raum; die Donau bringt die gro\u00dfe mitteleurop\u00e4ische Erz\u00e4hlung mit. Hier ber\u00fchren sich Balkan und Kontinent, Ost und West, ohne dass einer den anderen aufl\u00f6st. In dieser Perspektive versteht man, warum von Schicksalsfl\u00fcssen die Rede ist. \u00dcber diese Wasser sind Heere gezogen, Grenzen verschoben, Waren und Ideen gewandert. Jetzt liegen sie ruhig da, als h\u00e4tte die Geschichte sich zur\u00fcckgezogen, um nur noch als Landschaft aufzutreten. Und doch ist dieses Schweigen tr\u00fcgerisch: Die Stadt hinter uns, die Festung unter uns, die Fl\u00fcsse vor uns \u2014 alles ist getr\u00e4nkt mit Vergangenem, das nicht mehr laut, aber auch nicht verschwunden ist. Man sitzt da und sp\u00fcrt, dass man sich auf einer Schwelle befindet, nicht nur geographisch, sondern existenziell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von derselben Bank aus sieht man allerdings noch etwas anderes. Am Save-Ufer, dort wo fr\u00fcher Bahngleise, Lagerhallen und das halb verfallene Viertel Savamala lagen, w\u00e4chst seit einigen Jahren Belgrade Waterfront: Wohnt\u00fcrme, Promenade, Einkaufszentrum, dazwischen der Kula Belgrade, das h\u00f6chste Geb\u00e4ude des Landes. Das Projekt wird von einem Investor aus den Emiraten entwickelt und ist in der Stadt umstritten. Seine Bef\u00fcrworter verweisen auf ein Ufer, das jahrzehntelang brachlag und heute begehbar ist, auf Investitionen, Arbeitspl\u00e4tze und eine Adresse, die Belgrad international sichtbar macht. Seine Kritiker halten dem entgegen, dass Verfahren und Vertr\u00e4ge wenig transparent waren, dass hier eine Preisklasse entsteht, die f\u00fcr die meisten Belgrader unerreichbar bleibt, und dass eine Stadt mehr ist als ihre Skyline; Proteste hat es \u00fcber Jahre gegeben. \u00dcberall auf dem Balkan ist das Gef\u00e4lle zwischen Arm und Reich sp\u00fcrbar und es besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Uns f\u00e4llt vor allem die Nahtstellen auf: Man geht wenige Minuten und wechselt von abbl\u00e4tterndem Putz in polierten Stein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit schlie\u00dft sich f\u00fcr uns ein Kreis, der bei Neu-Belgrad begonnen hat. Auch das Waterfront ist ein Entwurf davon, wie Zukunft auszusehen habe, nur dass die Ordnung heute nicht mehr nur vom Staat kommt, sondern vom Kapital. Die eine Utopie versprach Gleichheit und lieferte Wohnblocks, in denen heute ganz normal gelebt wird; die andere verspricht Anschluss und liefert T\u00fcrme, in die man erst einmal hineinkommen muss. Wem Belgrad k\u00fcnftig geh\u00f6rt, ist keine Frage, die sich an einem Reisetag beantworten l\u00e4sst. Aber man sieht, dass sie gestellt wird \u2014 und dass die Stadt sie nicht an ihrer Oberfl\u00e4che versteckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So verdichtet sich unser Tag in Belgrad zu einer Art Symbiose: die Busfahrt durch die Schichten der Stadt, die Blocks von Neu-Belgrad, das K\u00fcnstlerviertel mit dem Sarajevoer Brunnen, die Entdeckung der Buchl\u00e4den, der Fund von Risti\u0107s Buch, die gedankliche Pr\u00e4senz von Autoren wie Andri\u0107, der Blick auf den Zusammenfluss und auf die T\u00fcrme am anderen Ufer. Alles verweist auf dasselbe Motiv: dass unser Reisen dort beginnt, wo unsere Wahrnehmung mehrstimmig wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere anf\u00e4ngliche Skepsis war, das wissen wir am Abend, kein Urteil \u00fcber Belgrad, sondern eines \u00fcber die Vorurteile unserer eigenen Bilder. Die Stadt ist nicht sch\u00f6n im gef\u00e4lligen Sinn, sie ist rau, ungleichzeitig, an manchen Stellen unfertig. Aber sie ist lebendig. Belgrad erscheint uns am Ende nicht als Ziel, sondern als Schule des Perspektivwechsels: als Stadt, in der man lernt, die eigene Wahrheit durch die Wahrheit des Anderen erg\u00e4nzen zu lassen. Wir sind skeptisch angekommen und mit dem Vorsatz abgereist, wiederzukommen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ehrlich gesagt, wir haben l\u00e4nger \u00fcberlegt, ob wir Belgrad besuchen sollen.\u00a0 \u00dcberzeugt hat uns eine freundliche Dame, die uns einen Stellplatz am Rande der Stadt zur Verf\u00fcgung gestellt hat. 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