Agorazein

Jeden Samstag ist sie der Treffpunkt der Stadt: die Markthalle von Kalamata. Schon vor dem Eingang wächst die Vorfreude auf das bunte Treiben und das reichhaltige Angebot. Hier gibt es Obst, Gemüse, Fisch, Gewürze und frisch gemahlenen Kaffee. Wir treten hinein, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Ein alter Mann bietet uns eine Olive an und fragt, woher wir kommen. Wir murmeln etwas von „Deutschland“, und plötzlich reden wir über Olivenbäume, den Regen im Frühjahr und darüber, wie die Ernte wohl dieses Jahr ausfällt.

Wir lassen uns treiben, gehen nicht Stand für Stand ab, als hätten wir eine Einkaufsliste im Kopf. Unter einem Vordach stapeln sich Auberginen, daneben ein Tisch mit Nüssen, Honig und Flaschen, in denen sich das Licht des Vormittags spiegelt. Eine junge Frau bietet ein Stück Käse an, lässt uns probieren, wir wechseln ein paar Worte – nichts Bedeutendes und doch genug, um für einen Moment in diesem kleinen Austausch miteinander verbunden zu sein.

Nach unserem Rundgang verlassen wir die moderne Anlage. Der Markt liegt nicht mehr in jener historischen Einheit von Platz, Kirche und engem Altstadtgewebe, sondern in einer neueren, funktionalen Struktur am Rand der Altstadt – ein Zeichen dafür, wie sich der Handel mit dem Wachstum der Stadt räumlich verlagert hat. Draußen, ein paar Schritte weiter Richtung Altstadt, verengen sich die Gassen; die Marktatmosphäre löst sich auf in Straßenzüge mit kleinen Läden. Der Rhythmus des Marktes, den man unbewusst aufgenommen hat, strahlt weiter in die Stadt aus.

Später sitzen wir in einem Kafenion unter einem Baum, genießen den Kaffee und das Glas Wasser daneben. Auf dem Tisch vor uns liegt das Buch Die Geschichte der griechischen Philosophie von Luciano De Crescenzo, aufgeschlagen bei jenem Abschnitt, der uns seit Tagen beschäftigt.
Dort schreibt er, dass es im Griechischen ein Wort gebe, für das sich keine rechte Entsprechung in anderen Sprachen finde, ein Wort, das das Wesen einer ganzen Lebensart einfängt: Agorazein. Er erklärt, dass es „auf den Markt gehen und hören, was es Neues gibt“, bedeute – reden, kaufen, verkaufen, seine Freunde treffen – und zugleich: ohne genaue Vorstellungen aus dem Haus zu gehen, sich in der Sonne herumzutreiben, bis es Zeit ist zum Mittagessen, oder so lange zu trödeln, bis man Teil eines menschlichen Magmas aus Gesten, Blicken und Geräuschen geworden ist.

Während wir das lesen, merken wir, dass wir uns eben genau so verhalten haben: Wir sind „ohne genaue Vorstellungen“ aus dem Haus gegangen, haben uns durch die Markthalle treiben lassen, sind stehen geblieben, wo uns eine Stimme, ein Duft oder ein Lächeln festgehalten hat. Es war kein effizientes Einkaufen, sondern ein allmähliches Eintauchen – zuerst in das bunte Durcheinander von Waren und Menschen, dann in Gespräche, die oft mit einem Schulterzucken oder einem Lächeln endeten, ohne Ergebnis, aber nicht ohne Wirkung.

Irgendwann fühlten wir uns nicht mehr als Fremde, die „über den Markt gehen“, sondern als Teil dieses Magnetfeldes aus Rufen, Preisen, Gesprächen in einer fremden Sprache, die wir im Vorbeigehen aufnehmen, und Hinweisen auf den „besten“ Käse. De Crescenzos „menschliches Magma“ ist auf einmal kein Bild mehr, sondern eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was wir erlebt haben.
Wenn Hartmut Rosa von Resonanz schreibt, dann meint er genau diese Art von Weltbeziehung, in der nicht nur ich auf die Welt schaue, sondern die Welt auf mich zurückantwortet. Er schlägt vor, Lebensqualität nicht in Ressourcen, Optionen und „Glücksmomenten“ zu messen, sondern in der Qualität dieser Beziehung: Ein gelungenes Leben sei eines, das reich an Resonanzerfahrungen ist, in denen ein „vibrierender Draht“ zwischen Subjekt und Welt gespannt wird.

Auf dem Markt von Kalamata spürt man einen solchen Draht nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Wir sind nicht mehr nur Beobachter einer fremden Szenerie, sondern Teil eines Antwortgeschehens: Die Stadt spricht zu uns – durch Menschen, Gerüche, Oberflächen – und wir sprechen zurück, mit kleinen Transaktionen, freundlichen Gesten und unseren einfachen Fragen über das alltägliche Leben.
Rosa betont, dass Resonanz immer zwei Bewegungen braucht: Sich-berühren-Lassen und Antworten. Würden wir den Markt nur „abarbeiten“, Preise vergleichen, schnell einkaufen und wieder verschwinden, wie es oft in einem Supermarkt geschieht, bliebe die Welt stumm oder bloß Kulisse. Doch im Modus des Agorazein lassen wir uns Zeit, verzichten auf Kontrolle, erlauben der Unverfügbarkeit, uns zu überraschen.

Genau hier berühren sich De Crescenzos mediterrane Lebenskunst und Rosas kritische Theorie der Moderne: Beide misstrauen einer Haltung, die alles kalkulierbar, verfügbar, effizient machen will, weil in dieser Haltung der Resonanzraum schrumpft. Auf dem Markt ist nichts vollständig planbar – wer heute da ist, wie die Preise sind, welche Laune die Händler haben –, und gerade deshalb kann sich zwischen uns und dieser Welt ein lebendiger Draht spannen.

In unserem Kaffee hat sich inzwischen ein feiner, dunkler Rand abgesetzt, ein Zeichen dafür, dass die Zeit vergangen ist, während wir lesen und uns unterhalten. Wir fragen nach einem Reisestil, der die Grenzen zwischen „Subjekt“ und „Objekt“ durchlässig werden lässt, wie hier zwischen den Reisenden und der Agora als bloßer Umgebung.

In der Sprache Rosas wäre der Markt ein Resonanzraum – ein konkreter Ort, an dem Weltbeziehung dicht wird. Vielleicht ist das, was De Crescenzo beschreibt, wenn er davon spricht, dass man „Teil eines menschlichen Magmas“ wird, die phänomenologische Innenseite dessen, was Rosa Resonanz nennt: ein Moment, in dem die alte Trennung zwischen „Ich hier“ und „Welt dort“ weich wird, ohne dass man sich vollständig verliert. Wir sind nicht verschwunden, wir wissen, wer wir sind, woher wir kommen – und zugleich sind wir für eine Weile nicht primär Tourist, Konsument oder Beobachter, sondern ein Knotenpunkt in diesem Netz aus Gesten, Blicken und Geräuschen.

Der Markt von Kalamata hat uns für ein paar Stunden in einer Schwingung gehalten, die sich nicht automatisch einstellt und sich weder vollständig planen noch festhalten lässt. Agorazein, so wird uns klar, ist nicht nur ein schönes, unübersetzbares Wort, sondern ein Name für jene Weltbeziehung, in der Reisen mehr ist als Ortswechsel: Es ist das Einfinden in eine einheitliche Seinserfahrung, in der Markt, Stadt, Körper und Denken für einen Moment dasselbe sagen. Ist es diese Sehnsucht, die uns als Reisende bestimmt?

Es ist Zeit für das Mittagessen. Wir wundern uns nicht darüber, dass wir an der nächsten Straßenecke ein paar Freunde treffen und gemeinsam in einer Taverne enden.


Literatur:
Luciano de Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophie, Diogenes Verlag, 1985

Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Suhrkamp Verlag, 2020