Dubai war bislang die Stadt des reibungslosen Tourismus, ein Ort der makellosen Übergänge. Flughäfen, Malls, Hotels – alles schien hier auf Kontinuität gebaut. Der Reisende wurde nicht mit Fremdheit konfrontiert, sondern mit gewohntem Komfort empfangen. Die Stadt erfüllte ein ästhetisches Versprechen: dass man durch die Krisen dieser Welt reisen könne, ohne ihnen zu begegnen.
Seit Samstag jedoch erleben wir, wie dieser Raum eine andere Textur annimmt. In der Nacht, als über der Stadt der Lärm von Drohnen zu hören war und kurz darauf die Bilder eines brennenden Hotels auf den Bildschirmen flackerten, wurde die glatte Oberfläche für einen Moment aufgerissen. Wie alle, die gerade in Dubai sind, starren wir auf die Bildschirme unserer Handys. Das Fairmont-Hotel auf der Palm, Evakuierungen rund um den Burj Khalifa – Szenen, die irreal wirkten und doch völlig wahr waren. Hier, wo selbst die Wüste zum sicheren Touristenziel geworden ist, kehrte das Unverfügbare ein – das, was sich nicht kontrollieren lässt.
Erstaunlich bleibt für uns die Gelassenheit der Menschen. Keine Panik, kein Chaos, sondern ein stoisches Weitermachen. Am Morgen danach öffneten die Cafés, Kinder spielten am Strand, Gespräche über Wirtschaft und Alltag kehrten zurück. Diese Ruhe wirkt nicht naiv, sondern tief pragmatisch – als hätte sich hier eine gesellschaftliche Form des Vertrauens gebildet, die stärker ist als die Angst vor Ausnahmezuständen. Hinzu kommt die rationale Sicherheit: das Vertrauen in die funktionierende Flug-Abwehr des Landes, die Schlimmeres verhindert hat.
Und doch, auf symbolischer Ebene, könnte das Geschehene das Fundament der Golfmetropolen erschüttern. Das touristische Ökosystem der Emirate umfasst über 1200 Hotels und zehntausende Betriebe, deren Existenz auf Stabilität beruht. Entsprechend spürt man, nach Jahrzehnten des ökonomischen Wachstums, die Anspannung in der Öffentlichkeit, wie sich die Krise ökonomisch auswirkt. Dubai ist das große Projekt der Entpolitisierung – ein Knotenpunkt, der Luxus und Ruhe verspricht inmitten einer unruhigen Region. Wenn nun aber Bilder brennender Hotels mit jenen aus Kriegszonen verschmelzen, wenn Reisewarnungen die Netze durchziehen und Flüge gestrichen werden, dann wird auch das Bild selbst – das einer „sicheren globalen Zone“ – fragil.
Hier zeigt sich, was Hartmut Rosa mit „Unverfügbarkeit“ meint. Das moderne Reisen war zum Inbegriff menschlicher Kontrolle geworden: Planen, Buchen, Navigieren – als wäre Mobilität ein garantierter Zustand. Und doch spüren wir in diesen Tagen, dass jeder Bewegung ein Moment des Ausgeliefertseins innewohnt. Reisen offenbart wieder seine ursprüngliche Gestalt: als Wagnis, als Begegnung mit Unsicherheit und Endlichkeit.
Vielleicht liegt gerade darin ein tieferes Verständnis von Welt. In der Erfahrung der Störung – des verschobenen Rückflugs, des gebrochenen Alltags – tritt etwas wieder hervor, das sonst überdeckt ist: die Widerständigkeit der Welt, ihre Lebendigkeit und ihre Unberechenbarkeit. Und im Hintergrund stehen die ernsten Gedanken an die, für die diese Unsicherheit kein Ausnahmezustand ist, sondern tägliche Realität – Menschen, die seit Jahrzehnten mit Krieg, Entbehrung und Verlust leben.
Ob unser Rückflug am Freitag geht, wissen wir nicht. Aber vielleicht lehrt uns Dubai in diesen Tagen, dass selbst im flirrenden Neonlicht der Moderne das Unverfügbare bleibt – und dass dort, wo Kontrolle versagt, Welt wieder spürbar wird. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass dieser Albtraum für die Menschen in der Region bald ein Ende findet.




