Rückkehr nach Ithaka?

Erinnert ihr euch noch an unseren Trip vor zwei Monaten, als wir an der wunderschönen Bucht von Navarino standen? Genau dort, wo die raue Natur des Peloponnes auf das tiefblaue Meer trifft, wurden Teile des Kinodramas „The Return“ (dt. „Rückkehr nach Ithaka“) mit Juliette Binoche und Ralph Fiennes gedreht – oder zumindest in genau jener Landschaft, die dem Film seine visuelle Wucht verleiht.

Passend zur Reise hatten wir das Sachbuch „Odysseus: Mythos und Wahrheit“ von Raimund Schulz im Gepäck. Schulz beschreibt darin das Spannungsfeld zwischen der historischen Realität der späten Bronzezeit und dem mythologischen Epos. Wie lässt sich diese Zeit überhaupt angemessen verstehen? Genau diese Frage scheint auch im Film auf – wenn auch auf eine sehr eigene Weise.

Gerade in Griechenland wird das Werk intensiv diskutiert. Drei Kritikpunkte tauchen dabei besonders häufig auf:

  1. Das Casting: Ein griechischer Mythos ohne griechische Stimmen
    Die Odyssee gehört untrennbar zur kulturellen Identität Griechenlands. Umso stärker fiel – nicht nur uns, sondern auch vielen Menschen vor Ort – auf: Die zentralen Rollen sind durchgehend international besetzt. Odysseus, Penelope und Telemachos werden von etablierten internationalen Schauspielern verkörpert. Das wirkt für manche wie eine verpasste Chance, griechische Perspektiven und Talente stärker einzubinden.
  2. Der Held als Traumatisierter: Die Entmythologisierung der Welt
    Regisseur Uberto Pasolini verzichtet weitgehend auf Götter, Monster und übernatürliche Elemente. Stattdessen entsteht ein reduziertes, psychologisch geprägtes Drama um einen vom Krieg gezeichneten Odysseus. Genau hier liegt eine Spannung, die auch Raimund Schulz beschreibt: Für moderne Betrachter ist es schwer, sich in eine Welt einzudenken, in der Götter als reale Handlungsmächte präsent sind. Der Film löst dieses Problem, indem er den Mythos radikal rationalisiert. Für viele Zuschauer – gerade in Griechenland – geht damit jedoch ein zentraler Teil der kulturellen und symbolischen Tiefe verloren.
  3. Architektur und Atmosphäre: Zwischen Geschichte und Inszenierung
    Durch unseren Besuch des Palastes von Nestor – nur wenige Kilometer von Navarino entfernt – hatten wir die mykenische Welt noch sehr konkret vor Augen: das Megaron, die klare Struktur, die besondere Materialität der Bronzezeit.

Im Film hingegen wirkt die gebaute Welt deutlich anders. Einige Szenen erinnern eher an spätere, massiv wirkende Festungsarchitektur als an die offenen Palastanlagen der mykenischen Zeit. Tatsächlich wurde an verschiedenen historischen Orten in Griechenland gedreht, darunter auch mittelalterliche Anlagen. Diese ästhetische Entscheidung erzeugt zwar eine düstere, kraftvolle Bildsprache, entfernt sich jedoch sichtbar von der archäologischen Realität um 1200 v. Chr.

Auch wenn uns der Film atmosphärisch nicht vollständig überzeugt hat, bleibt eine besondere Erfahrung: Landschaften, die wir selbst durchwandert haben, auf der Leinwand wiederzuerkennen – wenn auch nur in Fragmenten. Wer die Bucht von Navarino, die Region Messenien oder den Palast des Nestor besucht, bewegt sich ohnehin im Spannungsfeld zwischen Mythos und Geschichte.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Reiz: nicht in der Entscheidung für das eine oder das andere, sondern im bewussten Dazwischen.

Litaratur: Raimund Schulz, Odysseus, Mythos und Wahrheit, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2026